Der Tod baute mit

Der Wirtschaftsaufschwung, die Reichsautobahn, die Gefangenen und das Kriegsende

Eine Spurensicherung in Sittendorf

Robert STREIBEL

Hitler beseitigte die Arbeitslosigkeit, Hitler bedeutete Krieg. Das sind zwei Einschätzungen, die im Alltag häufig zu hören sind, wobei bei vielen heute älteren Personen der Wirtschaftsaufschwung und die neuen Hoffnungen öfter genannt werden, meist versehen mit dem Zusatz: Man hat doch nicht wissen können, was daraus entstehen würde. Es gibt wenige Beispiele, die augenscheinlich die enge Verbindung dieser beiden Einschätzungen über die Zeit zwischen 1938 und 1945 ˆ Beseitigung der Arbeitslosigkeit und Krieg ˆ deutlich vor Augen führen. Eines dieser Beispiele liefert die Gemeinde Sittendorf. Dies mag auf den ersten Blick überraschend klingen, denn in Sittendorf scheint die Zeit still zu stehen, Veränderung zumindest mit einer starken Zeitverzögerung einzutreten. In der Welt der Literatur ist Sittendorf bislang nur als Fußnote vertreten, denn in der Niederösterreichischen Landesbibliothek wird unter dem Stichwort Sittendorf gerade ein Buch aus dem Jahr 1947 geführt: denn die Kunstwanderungen führen den Interessierten von Laxenburg über Heiligenkreuz auch nach Wildegg und Sittendorf. Das Existieren von Publikationen über die Geschichte bedeutet jedoch noch nicht, daß die Zeit des Nationalsozialismus in allen Dimensionen behandelt wird. Ein Beispiel, das gleichzeitig auch als Beispiel für den Umgang der Nachkriegszeit mit diesen Abschnitt gelten kann, liefert das Buch „Mödling, Landschaft, Kultur und Wirtschaft“, in dem das Kapitel des Nationalsozialismus im Abschnitt „Mödling als Randgemeinde Wiens 1938 – 1945“ behandelt wird und der Autor sehr rasch eine Ernüchterung in der Bevölkerung konstatiert, die der Begeisterung der Frühjahrtagen des Jahres 1938 Platz gemacht habe, ohne jedoch das Ausmaß des Terrors gegen Juden zu schildern oder die Existenz von Lagern für KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene zu erwähnen.

An dieses Beharrungsmoment der Provinz wird man beim Durchblättern der „Mödlinger Nachrichten“ erinnert, denn während die „Machtergreifung“ im März 1938 in Mödling und den umliegenden Orten auch ihren publizistischen Niederschlag gefunden hat, sucht man Sittendorf vergeblich in den Zeitungsspalten. Die erste Meldung nach dem sogenannten „Anschluß“ und der Volksabstimmung am 10. April stammt vom Juni 1938, wenn mitgeteilt wird, daß das Sittendorfer Kirchweihfest am 26. des Monats in Franz Salzers Gasthaus stattfände , der Eintritt zum Gartenkonzert frei sei und die Besucher darauf aufmerksam gemacht werden, die Tanzkarte nicht zu vergessen.

Die publizistische Welt entsprach in diesem Fall nicht der Realität, wenn es auch in Sittendorf selber direkt keine „Illegalen“ gegeben haben soll, haben die Nationalsozialisten natürlich auch in Sittendorf Einzug gehalten und kurzfristig wurde auch der Sittendorfer Lorenz Sulzer gezwungen, sein Amt niederzulegen. ( „Ja, da haben sie ihn von der Gemeindekanzlei geholt, da hat er müssen die Sache hinlegen Σ“ ) Wenn es auch gleichzeitig die Einschätzung gibt ( „Eigentlich, illegale Nazi waren keine da.“ ), hat es auch im Dorf „eine gewisse Begeisterung“ gegeben.

„Da weiß ich noch, daß auch im Dorf a gewisse Begeisterung war und daß da irgendwelche, die gleich so begeistert waren, daß sie meiner Großmutter kurz vorm Sterben so a Abzeichen, also so a rundes Hitler-Abzeichen angesteckt haben. Und dann kann ich mich sehr gut erinnern, daß es am 1. Mai geheißen hat, das ganze Dorf soll Kränze machen, die Giebelseite von den Häusern soll mit Reisig geschmückt werden, und in der Mitte ist groß dieses Hitler-Bild gehängt worden.“

In dieser „neuen Zeit“ wurde der Grundstein gelegt für eine Innovation, die bis heute den Ort und seine Umgebung prägt: die Autobahn. Der Beginn der Bauarbeiten kündigte sich bereits ein halbes Jahr nach dem Einmarsch der deutschen Truppen mit der Errichtung von Baracken für die Bauarbeiter an. Die Baracken außerhalb des Ortes auf der Straße nach Heiligenkreuz sind heute nur mehr Ruinen im Gestrüpp, die Autobahn ist geblieben. Vergessen sind jedoch jene Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die in den vierziger Jahren in eben diesen Baracken gefangengehalten wurden und zum Teil auf der Baustelle weiterarbeiten mußten, als die „deutschen“ Männer bereits für den Krieg eingezogen worden sind. Vergessen wurde sehr gerne, denn wie lange hat es gedauert, bis in der Seegrotte in der Hinterbrühl auch der KZ-Häftlinge gedacht wurde, die im Flugzeugwerk ab September 1944 gearbeitet haben und zu Kriegsende durch Benzinspritzen oder Erdrosselung getötet wurden. Die Gedenkstätte wurde erst im Dezember 1997 eingeweiht, nachdem sich Pfarrer Franz Jantsch zehn Jahre darum bemüht hatte. Begleitet wurde dieses Engagement auch durch einen erbitterten Streit im Gemeinderat über den Wortlaut der Tafeln in der Seegrotte. Trotz dieser Aufklärungsarbeit kann es passieren, daß das Mitleid für die unter Tag arbeitenden, geblendeten Pferde größer ist als für die KZ-Häftlinge. Die Dimension des Lagers von Hinterbrühl mit rund 1.800 KZ-Gefangenen ist keineswegs vergleichbar mit den Gefangenen von Sittendorf. Da das Schicksal dieses Lagers bislang in der Literatur keinen Niederschlag gefunden hat, ist es hoch an der Zeit, Material zu sammeln und zu dokumentieren. Wieviele in diesen Baracken von Sittendorf durch Hunger und Krankheiten den Tod gefunden haben, läßt sich bis heute nicht mehr so genau sagen, ein Grabstein auf dem Friedhof führt 17 Namen an, gestorben zwischen Mai und August 1942. Hitler beseitigte die Arbeitslosigkeit, Hitler bedeutete Krieg. In die Baracken des Wirtschaftsaufschwungs zog der Tod ein, eine Spurensicherung Jahrzehnte später versucht, diesen Teil der Geschichte zu rekonstruieren.

Sittendorf vor 1938 und das Ende der Arbeitslosigkeit
Einen Eindruck von der katastrophalen wirtschaftlichen Situation im Jahr 1938 vermittelt der Fall des 42jährigen Hilfsarbeiters Leopold Spatil, der für sechs Kinder zu sorgen hatte und im Wald von Gaaden Holz sammelte, obwohl er keine ausdrückliche Erlaubnis des Stifts dafür hatte. Der Förster erstattete im Auftrag des Stiftes Anzeige, der Schaden betrug ganze 2,5 Schilling. Trotz dieses geringen Schadens wurde Leopold Spatil zu 10 Schilling Strafe oder 24 Stunden Arrest und Ersatz des Schadens an das Stift verurteilt. Für Josef Kaiser, der 1938 neun Jahre alt war, ist heute noch klar: „Alle waren dafür, weil die Not war ja so groß vorher. Der Hitler ist gekommen und hat den Umsturz gebracht, weil da wäre überhaupt niemand übergeblieben von den Bauern.“
Die „neue“ Zeit versprach für die „kleinen Leute“ besser zu werden und bereits im Juli 1938 wird unter der Überschrift „Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit“ ein Erfolg verkündet: „Die Zahl der Arbeitslosen ist um 123.600 zurückgegangen.“ Für den Bezirk bedeutet das neue Bautätigkeit: In Mödling hat zu diesem Zeitpunkt der große Zubau zum Bezirkskrankenhaus die Dachgleiche erreicht, mit dem Bau der Reichsautobahnstraße war bereits begonnen worden und am „Ozean“, dem beliebten Badeteich, wird die Grundsteinlegung einer Siedlungsstadt angekündigt“. Pathos ist angesagt: „Von März bis August 1938 Σ Man muß sich für einen Augenblick der Besinnung und Betrachtung gleichsam mit ganzer Kraft des Geistes gegen den mitreißenden Strom des neuerweckten Lebens, des bereits gewohnt Gewordenen stemmen, um diesen ungeheuren Gegensatz im Wandel der Dinge vollbegreifend zu erfassen. Von März bis August 1938. Welche unfaßliche Kraft steckt doch in diesem Aufbruch eines Volkes, welche Kraft des Willens“.
Daß diese Kraft des Willens auch andere vernichtende Energien freizusetzen begann, mag die Mehrheit zu diesem Zeitpunkt vielleicht wenig berührt haben, was macht es schon aus, wenn Juden in Hinterbrühl unerwünscht sind und die NSDAP Ortsgruppenleitung ihnen das Tragen von alpenländischen Trachten im Gemeindegebiet und im Paulinenbad verbietet.

In Gaaden gibt es bereits im August 1938 keine Arbeitslosen mehr und durch die Großbaustelle werden so viele Arbeitskräfte benötigt, „daß die betroffenen Ämter sich aus anderen Bezirken Arbeitskräfte heranholen mußten.“ Die Dynamik der Entwicklung spiegeln auch die Erinnerungen von Frau Leopoldine Gober wider: „1938 ist dort Material hintransportiert worden und so und ist das Lager aufgestellt worden, weil die haben ja sofort die Autobahn geplant . Was ich mich erinnern kann, ist 1938 im Herbst noch angefangen worden.“

Die Baracken für den Reichsautobahnbau
Über den Bau von Baracken für den Reichsautobahnbau berichten die „Mödlinger Nachrichten“ Ende September 1938: „An der Straße, die von Sittendorf nach Heiligenkreuz führt, wird zur Zeit eine Baracke als Unterkunftsstätte für die Arbeiter der Reichsautobahn und für die Unterbringung der Werkzeuge gebaut. Gleichzeitig wird ein Brunnen gegraben, Fernsprech- und Lichtleitungen gelegt.“
Im Österreichischen Staatsarchiv finden sich nur dürftige Hinweise auf den Bau der Reichsautobahn zwischen Mödling ˆ Sittendorf und Alland. Direkt zum Bau befinden sich keine Akten in Österreich, das Projekt der Reichsautobahn findet zum Beispiel Erwähnung in einem Briefwechsel im Oktober 1939, wo es um den Bau einer auch in dieser Zeit umstrittenen Verbindungsstraße von der „Wientalstraße zur Reichsautobahn längs des Ostabhanges des Wienerwaldes“.
Selbstverständlich ist die geplante Reichsautobahn Wien-West (Gießhübl) auch in den damals gezeichneten Plänen eingetragen. Wie rasch in diesen Wochen nach dem „Anschluß“ 1938 mit den Bauarbeiten von Seiten der obersten Bauleitung der Reichsautobahn, deren Sitz in der Kleinen Sperlgasse 5 war, begonnen wurde, läßt sich lediglich am Beispiel des Baus der Südautobahn in Teilstrecken feststellen. So wird in einem Schreiben Anfang Oktober 1938 bereits von einer „Streckenbereisung“ der Teilstrecke der R.A.B. für den Abschnitt km 00 – km 16 (Wien – Wiener Neustadt) gesprochen. Die Planungsbehörde der Reichsstatthalterei in Österreich meldet an das Reichsverkehrsministerium, Abwicklungsstelle Österreich am Schwarzenbergplatz eine Streckenbereisung für den Reichautobahnring um Wien für die Kilometer 11 bis 18,5 für den 27. Oktober 1938. Das heißt, die Planungen waren nach Monaten bereits so weit gediehen, daß in einzelnen Abschnitten bereits Anfang September 1938 Begehungen stattfinden konnten.

Von den aus anderen Bezirken nach Sittendorf beorderten Arbeitern berichtet auch Josef Kaiser, denn die ersten, die hier beschäftigt waren, dürften sogenannte „Meidlinger Bazi“ gewesen sein. „Zuerst waren die ganzen Wiener heraußen. Mein Gott, wir sind hinten nachgerennt, wenn die Lohnauszahlung gehabt haben, da haben die gerauft und gesoffen und wir sind hinten nach, wir Buben. (Σ) Die Weiber sind ums Geld gekommen ˆ am Freitag haben sie Auszahlung gehabt. Die Mannsbilder haben es aber meist schon versoffen gehabt in der Kantine.“ Stefanie Kalcher präzisiert die Angaben in einem Brief: „Bei Baubeginn der RaB 1938 waren Wiener Arbeitslose auch Haftentlassene und was es sonst noch alles gab an Hilfsarbeitern beschäftigt. Die Baggerführer, Lockführer, Bauleiter und im Lohnbüro Beschäftigten waren hauptsächlich deutsche gelernte Handwerker, die Zimmersleute waren zum Beispiel aus dem Burgenland.“
Die Auszahlung erfolgte im Lohnbüro für den Autobahnbau, das in der Gaadner Straße ˆ wo heute der Umweltplatz ist ˆ eingerichtet war. Der Verdienst dürfte nicht schlecht gewesen sein: „Zuerst haben sie Gruben gegraben, wie die Grenzen verlaufen für die Trassen, und da haben die Männer überhaupt am meisten verdient, weil die haben Humus abgehoben kubikmeterweise, … scheibtruhenweise wie er war.“
Die Schwestern Stefanie und Klara Peyerl haben die Warnungen aus diesen Monaten noch im Ohr: „Ihr müßt vorsichtig sein, weil das sind schlechte Leute, die sind eingesperrt gewesen!“ Weil es zu dieser Zeit im Ort am Auszahlungstag „rund gegangen ist“, entschloß sich Frau Grössing, eine Wirtin, sogar, ihr Gasthaus am Freitag zu schließen, „weil sie sich gefürchtet hat“.
Die für die damalige Zeit hohe technische Ausrüstung für den Bau ist neben den Interviews durch Fotos und auch durch einen Zeitungsausschnitt anläßlich eines Arbeitsunfalls belegt. „Am 26. 5. ging auf einer steilen Strecke ein Lastzug mit drei Lokomotiven und zehn Loris infolge Versagens der Bremsen durch und stürzte schließlich um. Die Bemannung hat rechtzeitig abspringen können, nur Franz Hochartner aus Gramat-Neusiedl geriet unter die stürzende Lokomotive und erlitt einen Schenkelbruch und innere Verletzungen.“

Die Sparbacher „Raber“ und die Volksgemeinschaft
Anläßlich der Feier zum 1. Mai fand auch ein Kameradschaftsabend der „Sparbacher Raber“ (Reichsautobahnbauer) der Hoch-, Tief- und Eisenbahnbau-Unternehmung Th. Massenberg in Mödling statt. Neben dem Betriebsobmann Klein sprach Betriebsführer Overdyk, der den Wandel der Zeiten auch an diesem Tag hervorstrich: „Es werde heuer anders gefeiert als vor 10 Jahren (Σ) Damals sei er (der 1. Mai, Anm. R. St.) ein Tag des betonen Gegensatzes zwischen Arbeiter und Unternehmer gewesen, ein Tag der Rache. Jetzt aber sei er ein Tag der Freude, der Festtag der Volksgemeinschaft.“
Den Eindruck einer „Volksgemeinschaft“ erweckt zum Beispiel auch die Aktion der Arbeiter der Reichsautobahn Vösendorf, die ihre Solidarität mit den „Leiden der Sudetendeutschen“ ausdrücken und sich verpflichten, in der Woche eine Stunde länger zu arbeiten und diesen Betrag der NSV zur „ärgsten Linderung der Not“ der Sudetendeutschen zur Verfügung zu stellen. Wie in diesem Schreiben der Arbeiter der Reichsautobahn gleichzeitig jedoch Propaganda betrieben und welche Klischees bedient wurden, zeigt die Feststellung: „Wir sind alles eher als Kriegshetzer und hoffen, daß unser Führer Adolf Hitler einen neuen Weltbrand vermeiden wird können. Doch wenn das internationale Juden- und Freimaurertum den Krieg erzwingt, so werden wir mit dem letzten Blutstropfen unsere Rechte verteidigen.“ Rund 150 sudetendeutsche Flüchtlinge waren auch im Kloster St. Gabriel untergebracht, wie in den „Mödlinger Nachrichten“ nachzulesen ist.

Neben dem Beginn des Baus der Reichsautobahn brachte der Herbst eine weitere einschneidende Veränderung für Sittendorf, denn am 15. Oktober wurden 97 Gemeinden rings um Wien in die Großstadt einbezogen. Bürgermeister Dr. Neubacher beging dieses „denkwürdige Ereignis“ mit einer Rundfahrt durch die „neu angeschlossenen Gebiete Wiens.“ . Die „Raber“, die „Juden“ und dieΣ
Wer arbeitete noch an der Reichsautobahn?
Der Beginn der Bauarbeiten der sogenannten „Raber“ ˆ Abkürzung für „Reichsautobahnbauer“ ˆ bedeutet auch Beschäftigung für einige junge Mädchen aus Sittendorf, so zum Beispiel Stefanie Kalcher (geborene Peyerl): „Wir haben ja nichts gehabt. Und da habe ich 20 Mark gekriegt , drei Wochen Vorschuß und die vierte Woche war dann Abrechnung, und da habe ich dann manchmal 22 Mark rausgekriegt oder 24 Mark je nachdem. Das war unser Verdienst, und so haben wir unser Elternhaus erhalten haben können, denn der Vater ist 35 gestorben und die Großeltern schon vorher, da war ja alles verschuldet.“
Über die Abfolge des Einsatzes der Arbeitskräfte , wann tatsächlich Kriegsgefangene am Bau gearbeitet haben, können die Erinnerungen selbstverständlich keine klaren Belege liefern. Durch Fotos ist zumindest belegt, daß die Deutschen Arbeiter auch noch im Mai 1941 am Bau gearbeitet haben, so ist das Foto des Arbeiters Bruno Vorreither mit 11. Mai 1941 datiert.
Nachdem im Interview mit Klara Peyerl auf die Frage, wer beim Autobahnbau beschäftigt gewesen sei, der Satz fällt „Zuerst waren die Juden da Σ“ folgt im Verlauf des Gespräches die Bitte um eine Klarstellung, angesichts der Bedeutung dieses Dialoges soll hier dieser Abschnitt zur Gänze zitiert werden:

Streibel: Was mich noch interessiert: Wieso glauben Sie, daß in dem Lager, nachdem die Meidlinger Plattenbrüder da gearbeitet haben, auch Juden dort arbeiten mußten? Klara Peyerl: Ja, Juden waren auch, die haben den Stern gehabt, die haben auch gearbeitet. Die waren auch oben. Nur weiß ich nicht, waren die vor den Franzosen oder nach den Franzosen. Kalcher: Ich meine, die waren vorher. Da war ich noch nicht im Lager oben. Die haben wir gesehen, weil wir die Felder neben der Baustelle gehabt haben, wenn sie runtergegangen sind. Und die haben den Stern gehabt. Das haben wir auch gesehen. Die haben Mäntel angehabt und den schwarzen Hut auf. Die waren nicht gar so lang da.“

Robert Müller (Jahrgang 1924), der Anfang 1943 eingerückt ist, aber doch alle zwei bis drei Wochen nach Hause kam und dessen Vater Nachtwächter im Lager in Sittendorf war, kann sich nicht erinnern, daß sein Vater oder seine Mutter jemals von Juden auf der Baustelle erzählt haben.
Von den französischen Kriegsgefangenen kann man nicht eindeutig sagen, ob sie ebenfalls am Autobahnbau direkt mitgearbeitet haben, aber der Gang in den Steinbruch, wo Schotter und Sand aufbereitet wurde, ist belegt. „Die Franzosen haben meistens nur so Holzschuhe gehabt, so wie die Holländer haben, so Patschen. Dann sind sie vorbeigegangen (in den Vogelgraben), in der Früh haben wir sie ja gehört. Wir sind da noch im Bett gewesen, und die haben geklapperlt, da haben sie ,aneg’haut‚ ans Fenster, weil sie gewußt haben, da sind junge Leute herin. Und am Abend sind sie nach Hause. Wie es im Winter war, war es schon finster, angezogen waren sie mit ihrer Uniform, was sie halt gehabt haben.“ Frau Beer erinnert sich, daß neben den 10-15 Franzosen, die in den Steinbruch gegangen sind, die restlichen Franzosen beim Autobahnbau gearbeitet haben, so auch Frau Stefanie Kalcher. Bei der Schilderung der Situation der französischen Kriegsgefangenen wird sehr oft in der Erinnerung die angeblich privlegierte Stellung hervorgehoben, wobei bei den Erzählungen auch die Umstände einzurechnen sind, daß die französischen Gefangenen sehr oft die einzigen Männer jüngeren Alters waren, da die „deutschen“ Männer im Feld waren. Karl Beer betitelt die Gefangenschaft als „lustiges G‚fangenenhaus“ und führt aus: „Die Franzosen san mit an Posten immer hintre ins Tal gangen, das waren meistens ältere Männer, über 50, die aufpaßt haben, denen ist fad worden, die san 3, 4 Kilometer g‚rennt . Und auf’d Nacht san‚s hamgangen. Der Posten war fett, den ham zwei Franzosen hamtragen. Die ham ja a herrliches Leben g‚habt. Dann, wie der Krieg aus war, ist der eine Franzose wieder gekommen, der hat die Tochter vom Wirten g‚heiratet.“

Exerzieren auf der Autobahntrasse
Die Anzahl, der zur Arbeit Gezwungenen gibt Josef Kaiser mit zwischen 150 bis 250 Personen an. Der Zug der Zwangsarbeiter, die zur Arbeit auf die Baustelle gingen, reichte von der Autobahnbrücke bis ins Lager in den Wald hinaus, „der Zug war so lang bis hinauf, von herunten bis hinauf.“
Nach den französichen Kriegsgefanenen sollen auch im September 1941 ukrainische Soldaten in brauner Uniform, Lassov Truppen, im Lager untergebracht gewesen sein. Diese Soldaten, deren Marschruf so ähnlich wie „Rast wa, rast wa“ geklungen hat, wurden als Soldaten für die Wehrmacht ausgebildet udn exerzierten auf dem für die Autobahn aufgeschütteten Damm.

Operetten neben dem Sterben
Das Schicksal der Kriegsgefangenen und Internierten kann über schriftliche Quellen heute so gut wie gar nicht mehr nachvollzogen werden, da zum Beispiel die Akten der Arbeitsämter, die die Daten dieser Arbeiter verzeichnet hatten, in den 60er und 70er Jahren vernichtet worden waren. Auf das kleine Lager von Sittendorf findet sich auch keinerlei Hinweis weder in der Dissertation von Hubert Speckner über Kreigsgefangenenlager in der „Ostmark“ noch in der Dokumentation von Gudrun Schwarz über die nationalsozialistischen Lager, daher läßt sich, wie es in einem Schreiben der militärgeschichtlichen Forschungsabteilung „die organisatorischen Einbindung des lagers Sittendorf mit den uns zur Verfügung stehenden Unterlagen (Σ) nicht zuordnen.“
In den „Mödlinger Nachrichten“ findet sich im August 1942 ˆ zu einem Zeitpunkt also, als die Hungertyphusepidemie im Lager in Sittendorf täglich neue Opfer forderte ˆ ein deutliches Hinweis über die Behandlung der Kriegsgefangenen und die Verhinderung der Flucht derselben: „Der deutsche Soldat hat unter Einsatz seines Lebens den Feind bekämpft, gefangen genommen und unschädlich gemacht. Die Heimat ist daher verpflichtet, jede Flucht und somit ein Wiederauftreten des Gefangenen als Kämpfer gegen den deutschen Soldaten zu verhindern.“ Beendet wird diese Anweisung mit der klaren Aufforderung: „Der Deutsche ist daher verpflichtet, bei der Ergreifung des geflüchteten Kriegsgefangenen behilflich zu sein.“ Unter welchen Vorzeichen das Verhalten zu den Gefangenen und fremdvölkischen Arbeitskräften gesehen werden muß, wird auch deutlich aus der Rede des SA-Brigadeführers „Pg. Kozich“ im Hinterbrühler Lichtspieltheater: „Je härter der Kampf, desto härter werden wir.“
„Zu dem heldenmütigen Ringen unserer unvergleichlichen Wehrmacht muß aber jeder einzelne Volksgenosse an der inneren Front die seelenmäßig Einstellung finden, die sich vor allem darin äußert, daß er gern und willig die Entbehrungen und Entsagungen auf sich nimmt, um sich der Opfer unserer Frontsoldaten würdig zu erweisen.“ Die „innere Front“ müsse in „eherner Geschlossenheit dastehen“, für die Feinde in der Heimat waren daher keine menschlichen Regungen vorgesehen. Trotzdem dürften viele die „Feinde“ auch als Menschen gesehen haben. Nicht umsonst mußte im Juni 1942 „aufmerksam gemacht (werden)“, „daß sich jeder strafbar macht, der mit Kriegsgefangenen, Gaststätten, Tanzveranstaltungen, Lichtspielhäuser oder Kirchen besucht, mit ihnen Ausflüge und Spaziergänge unternimmt oder Unterhaltungen mit ihnen führt.“

Die serbischen Internierten
Bei den serbischen Zwangsarbeitern, die nach den ukrainischen Soldatene im Lager untergebacht waren, die allerdings nicht mehr für den Bau der Autobahn eingesetzt worden sein dürften, handelte es sich nicht eindeutig um Kriegsgefangene gehandelt , sondern um internierte Personen, die als Folge der Kriegshandlungen auf dem Balkan während des Partisanenkrieges in die Ostmark verschleppt worden waren. Diese Gefangenen sollen für den Bau des Atlantikwalles bestimmt gewesen sein , wobei die Rede auch von einem Sammellager Handeslkai und/oder Winterhafen gewesen sein soll, von wo sie gekommen sind. Diese Gefangenen konnten die ortsansässigen Bauern auch für Arbeiten anfordern. Familie Gober hat einige Male zwei Arbeiter „ohne Bewachung“ zum Beispiel für das Heckenschneiden bekommen, bei der Familie Kalcher haben zwischen 20 und 30 Serben einen Teich ausgehoben.

Arbeit außerhalb des Lagers bedeutete auch zusätzliches Essen für die Gefangenen. „Mein Bruder war daheim ˆ wann war das, im 43er Jahr. Bei uns war eine Mühle und da haben wir im Garten einen großen Teich gehabt. Und der war schon ein bißchen verschlammt. Und da hat einmal einer von den Bewachern zu mir gesagt: ,Habt‚s nicht eine Arbeit?‚ Wir haben ja mit der Mutter die kleine Landwirtschaft betrieben und Erdäpfel und alles haben wir ja selbst gehabt, Kühe und Schweine auch. Und da hat er gesagt: ,Habt ihr nicht Arbeit für die?‚ Weil die waren oben, die haben sie ja nicht so rausgelassen. Und dann sind sie gekommen und haben bei uns den Teich ausgehoben. Und da weiß ich, da haben wir ihnen einen Kessel voll Kartoffeln gekocht. Da haben sie sich halt angegessen. Da haben sie einen Tag gearbeitet.“ Durch diese Verbindung zwischen den Bewohnern und Gefangenen entstanden zum Teil auch persönliche Beziehungen und ein Naheverhältnis, das auch eine ungewöhnliche Betroffenheit angesichts der katastrophalen Zustände im Lager zur Folge hatte. Einer der Arbeiter von Familie Müller erkrankte und starb wenige Tage nach seiner Tätigkeit im Ort, ein zweiter, von Beruf Fotograf, überlebte und wurde nach einer Überprüfung noch während der Kriegszeit freigelassen und kehrte kurz nach dem Ende des Krieges 1945 nochmals nach Sittendorf zurück.
Bei der Familie Kalcher wurden serbische Gefangene auch für die Heumahd eingesetzt, wobei einer der Serben ein Doktor, der andere ein Lehrer gewesen sein soll: „Sie sind aber gerne zu uns gekommen. Da war einer da bei uns auf Besuch, das war der Mischa, der war damals ein zarter Bub, 14 Jahre alt. Der ist kommen und hat mich besucht, 1980 oder 85, der Naturpark war schon“. Einer der Gefangenen, ein gelernter Tischler, kam bereits kurz vor Kriegsende zurück und bot sich an, die Frauen zu beschützen, riet aber dringend, sich im Wald zu verstecken.
Der Ausbruch des Hungertyphus unter den serbischen Gefangenen im Lager ist angesichts der Daten auf dem Grab- und Gedenkstein auf dem Friedhof zu rekonstruieren. Die 17 namentlich angeführten Toten starben zwischen 14. Mai und 6. August 1942. Ob diese Epidemie mehr Opfer gefordert hat, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesagt werden, so meint zum Beispiel Josef Kaiser, daß auf der linken Seite des Friedhofes eine lange Reihe von „Serbengräbern“ existiert habe. „Nachher, wie der Krieg angegangen ist, sind Baracken dazu gebaut worden ˆ fünf oder sechs noch dazu. Das war nachher, wie die Serben oben waren. Das war ja furchtbar. Dort haben sie alle Tage … ˆ sagen wir drei, viere sind gestorben, alle Tag. Die ganze Mauer entlang am Friedhof waren nur die Serbengräber. Links, wenn man reingeht, links bei der Mauer. Es ist alles verfallen, sind lauter neue Gräber jetzt schon, da waren die Serben. Auf der linken Seite, wenn man reingeht, bis hinunter waren die Serbengräber. Schön lang haben sie die Holzkreuze stehen gehabt.“

Hungertyphus im Lager
Den Ausbruch der Seuche hat Frau Kalcher, die im Lager als Köchin gearbeitet hat, selbst miterlebt. „Und dann haben sie einmal einen Transport gebracht, und die Männer ˆ ich weiß nicht mehr von wo sie sie hergebracht haben ˆ haben Typhus gehabt, und ein Mödlinger, er hat Schreyer geheißen, der hat einmal gesagt zu uns in der Küche, ich war ja damals jung, ,Kommt‚s runter, ich zeig euch was‚. Da haben wir noch nicht gewußt, daß die Typhus haben. Und da haben sie Gefangene gebracht, die waren Haut und Knochen. Ganz furchtbar. So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen und ich hoffe, daß ich auch so etwas nicht mehr sehe. Und nach ein paar Tagen dann, hat sich herausgestellt, daß es Typhus ist. Und dann ist ein Schlosser Namens Flurschütz, ein seelensguter Mann, gekommen zu uns und hat gesagt ,Frauen geht‚s auße in den Wald, weil jetzt kommt der Arzt, sonst wird gesperrt und dann müßt‚s herinnenbleiben und dann kommt‚s nimmermehr auße‚. Und so sind wir rausgelaufen in den Wald.“

Bereits diese ersten Angaben über die Toten des Lagers in Sittendorf macht klar, daß es weit mehr als 17 gewesen sein müssen. Leopoldine Gober, damals 15 Jahre alt, wohnte in der Nähe der Baracken: „Aber es sind sehr viele gestorben. Sie sind immer gefahren mit einem Schubkarren. Wie oft kann ich jetzt auch nicht mehr sagen … Und sie waren dann angeschüttet mit Kalk, daß sie desinfiziert sind, und irgendwie eingewickelt in was, und so haben sie die auf den Friedhof geführt. Aber ich weiß auch nicht, wie viele da begraben sind.“ Wenn auch, wie im Gespräch mit Frau Beer, der ältesten Zeitzeugin, die über 90 Jahre alt ist, auf die Frage angesprochen, wie die Gefangenen behandelt worden waren, die Antwort kommt: „Ja net so schlecht“ , bringt das Nachfragen ˆ vorsichtig ( „Soll ma da was aussagen?“) und verklausuliert ˆ eine andere Sicht der Realität. „Das waren schon die, was da unten waren, die Ding, die ˆ na ja beim Greißler ham‚s einkauft, net? Und das andere hat er sich selber g‚halten.“ Direkt und ungeschminkt bringt es Josef Kaiser auf den Punkt: „Die oben, der Lagerführer samt dem ganzen Kreis da, mein Gott na, die haben gefeiert, und die habens verhungern lassen.“
Um den Toten einen Teil ihrer Identität auch in diesem Beitrag zurückzugeben, sollen hier die auf dem Grabstein genannten Opfer von Sittendorf genannt werden:

Die Opfer von Sittendorf Tschiric Zdrawka 20.5.1942
Byebitsch Djure 3.6.1942
Jowkowitsch Drugotin 3.6.1942
Cerkalj Petar 16.6.1942
Butschan Petar 15.6.1942
Tschabrata Nikola
Rudsinovitsek Marko 12.6.1942
Radetisch Andreja 12.6.1942
Vasilye Lentschar 20.6.1942
Novak Cosjanowitsch 20.6.1942
Pavlovischa Mila 9.7.1942
Matscharewitsch Radomir 10.7.1942
Schimovitsch Schiwojin 15.7.1942
Perowitsch Mikojko 16.7.1942
Savkovic Ljubomir 19.7.1942
Matvewitsch Branko 20.7.1942
Obradowitsch Dragomir 6.8.1942

Die Schicksale hinter den Zahlen können heute nur unzureichend dokumentiert werden, dazu fehlen zusätzliche Angaben und Quellen. Was sich im Lager abgespielt haben mag, macht blitzlichtartig zum Beispiel die Erwähnung von Josef Kaiser klar, der von einem Serben spricht, „ein alter Herr, der bei uns gearbeitet hat. Der hat drei Buben gehabt, die hat er selber eingraben müssen, runterschleppen müssen.“ Für einen Großteil der Menschen der Region ging das Leben ˆ abgesehen von den kriegsbedingten Störungen ˆ seinen gewohnten Gang. In der nationalsozialistischen Gesellschaft stand jeder Volksgenosse auf seinem Platz, hatten die Männer in der Wehrmacht zu kämpfen, die „Heimatfront“ geschlossen zu stehen, selbst die „Knöpfe“ hatten ihren „Lebenszweck“, „ein Bekleidungsstück zu schließen“. Jene, die nicht das „Privileg“ hatten Mitglieder dieser „Volksgemeinschaft“ zu sein, waren keine vollwertigen Menschen und ihr Tod wurde daher entweder systematisch herbeigeführt oder war eben eine Folge der „äußeren Umstände“ wie im Fall der serbischen Internierten von Sittendorf. Operetten wurden aber trotzdem, oder gerade deswegen, weiterhin gespielt und die Gaubühne Niederdonau bot im August 1942 in Mödling das Stück „Saison in Salzburg“. Der Prinz war in diesem Fall ein Automobilfabrikant und Rennfahrer und das Aschenbrödel ein armes Wirtstöchterlein, die wie sollte es anders sein, zur Musik von Fred Raymond am Schluß ein Paar werden.

Nach dem Ende der Seuche wurde das Lager in Sittendorf geschlossen und in den Baracken nur mehr Teile der Flugzeugfabrik aus Hinterbrühl gelagert.

Neben den Baracken auf der Straße nach Heiligenkreuz gab es jedoch noch im Ort Baracken, auch „Hendlbaracken“ bezeichnet, wo vor allem Italiener gefangengehalten wurden, die im Wald gearbeitet haben. In den Interviews wurde mehrmals das Verhältnis der Ortsbewohner zu den Gefangenen angeschnitten, wobei mehrmals Hilfeleistungen und Bewacher erwähnt wurden, die diese zugelassen hätten. Kurz vor Ostern 1945 sahen die Bewohner zum ersten Mal KZ-Häftlinge, zu einem Zeitpunkt, als die Bäckerin des Ortes das letzte Mehl verbacken hat. Beim Heimweg hat Frau Stefanie Peyerl die „KZler, die Gestreiften“ gesehen. „Ich bin vorbeigegangen ˆ unser Bruder war in Rußland, wir haben ja gewußt, wie arm die Leute sind ˆ und da habe ich zu dem gesagt: ,Mein Gott, die sind arm.‚ Da hat der gesagt: ,Wenn Sie was haben, wenn Sie ihnen was geben wollen, geben Sie ihnen Brot.‚ Da bin ich heimgegangen, habe gesagt: ,Ich will noch Brot.‚ Und da habe ich ihnen das Brot gegeben. Und dann, knapp vor Ostern war es ˆ dann haben sie auf die Mauer da etwas hergeschrieben, wir haben das ja nicht lesen können russisch ˆ also daß sie uns nichts machen sollen, weil hier gute Menschen leben. So haben sie sich bedankt, sie haben sich nicht anders bedanken können.“

Das Kino von Sittendorf
und die „fremdvölkischen Arbeitskräfte“

Neben den Kriegsgefangenen, den internierten Serben, gab es im Ort noch sogenannte „fremdvölkische Arbeitskräfte“, Polen zum Beispiel, die angesichts der Rassenpolitik nicht dieselben Rechte wie Deutsche hatten, so war ihnen zum Beispiel der Besuch von Gasthäusern und Vergnügungen verwehrt.
Ab September 1941 hatte Sittendorf erstmals, zumindest alle 14 Tage ein provisorisches Kino, da „die Ortsgruppe der NSDAP Hinterbrühl (Σ) nun auch die Veranstaltung von Filmvorführungen durch die Gaufilmstelle in Sparbach ins Leben gerufen. (hat)“ Dies wurde als Beweis der Volksverbundenheit, und als Aufgabe, die Volksgenossen in den entlegensten Orten an den Fortschritten der Kultur teilnehmen zu lassen, gewürdigt. Kein Vergnügen jedoch ohne Propaganda: „Durch die Vorführung der Wochenschau mit ihren Bildern vom Kriegsschauplatz rücken die Volksgenossen der Front näher und werden in eindringlicher Form mit den unübertrefflichen Leistungen der Wehrmacht bekannt gemacht.“ Bereits vor dieser Neuerung hatte der Autobahnbau für die Sittendorfer ein bescheidenes kulturelles Angebot gebracht, da in den Baracken für die Arbeiter am Bau Tanz- und Varietéabende veranstaltet wurden, die auch für die Ortsbevölkerung zugänglich waren. An einen dieser Abende kann sich Stefanie Kalcher noch erinnern und hat sogar einen eine Zeile eines Liedes noch im Gedächnis, das bei diesem Gschnasfest gesungen wurde: „Wir werden schaffen, wir hauen hurtig drauf los, aber die Autobahn bleibt stehen wie ein Schloß“

Um diesen Besuch der Kinovorstellungen durch die „Ostarbeiter“ des Ortes gibt es bezüglich eines gewalttätigen Vorfalles unterschiedliche Interpretationen, die auch die Grenzen der „Oral History“ deutlich machen. Frau Magdalena Patzelt erinnert sich an einen Vorfall, als ein Fremdarbeiter ebenfalls das Kino im Extrazimmer des Gasthauses besuchen wollte: „Der Herr Kaiser (Anton Anm. R.St.) ist eben da gestanden und hat kontrolliert, wer reingeht. Alle von uns, wir sind nebeneinander gesessen, der Valentin vom Nachbarhaus wollte auch rein, und der Kaiser läßt ihn nicht. Er wollte aber und da hat der Kaiser ihm eine geschmiert und hat ihn rausgejagt, und das ganze Kinostückel hat … Ich bin gleich nach Hause gegangen, weil ich eh gleich vis à vis gewohnt habe im Haus …. Und dabei war das ein netter Bursch der Valentin, ein lieber, ein blonder Weißrusse.“
Anton Kaiser, der als Blockwart für die NSDAP tätig war, wurde am 5. April 1945 in seinem Garten erschossen, einen Tag, nachdem die Russen in den Ort gekommen waren. Das Gerücht hält sich bis heute hartnäckig, daß dies ein Racheakt gewesen sei. „Jetzt, wie der zugrunde gegangen ist, weiß man nicht, die einen sagen, das war Rache für das, wie er sich denen gegenüber benommen hat.“ Ein andere Variante des verhinderten Kinobesuches liefert Leopoldine Gober, die feststellt, daß sie bloß gehört habe, daß bei einem besonders interessanten Film mehr Leute gekommen seien und daher habe „der Kaiser gesagt, die Polen müssen aufstehen, damit sich die anderen Leute niedersetzen können.“ Für den Sohn, Josef Kaiser stellt sich der Vorfall im Extrazimmer anders dar. „Der Vater war Blockwart (Σ) Da hat er alle zusammengerufen, die 20, 30 Polacken, die im Ort waren, und hat ihnen gesagt: ,Ich laß euch ins Kino, aber ihr müßt‚ hinten rausgehen, wenn eine Kontrolle ist. Die Gaadner haben ja nichts gesagt, die Gaadner Polizisten. Was glaubst, wenn sie von draußen reingekommen sind ˆ Bezirksstreife ˆ ja, das war ja so. Der Vater sagt, die gehen raus … hinausgeschmissen. Die sind gekommen und nachher ist er … Der Vater hat sogar strafweise nach Engerau müssen, von den Nazi aus.“ Den Erzählungen nach dürften aber noch weitere Vorfälle die Wut der Kriegsgefangenen, bzw. der sogenannten „Ostarbeiter“ gegen den Blockwart geschürt haben, da Herr Kaiser (sen.) zum Beispiel zum Bauern Strohmeier gekommen sein soll, um ihn darauf hinzuweisen, daß die Polen nicht mehr am gemeinsamen Mittagstisch sitzen dürften, „und natürlich hat sich da ein gewisser Haß Î£“
Die Konfliktlinie dürfte aber nicht nur zwischen NS-Funktionären und Kriegsgefangenen, „fremdvölkischen Arbeitskräften“ verlaufen sein, da Denunziation zu einem Bestandteil des Systems gehörte und es vielfältige Möglichkeiten ˆ nicht nur Einlieferung in das Konzentrationslager und Haft ˆ gab, mißliebige Personen die Macht spüren zu lassen. Ein Mittel zur Disziplinierung bot der Krieg und die ständige Nachfrage nach neuen Soldaten. Die Familie Müller gehörte zu jenen Familien, in denen im kleinen Kreis sehr offen über das Regime gesprochen wurde. „Mein Papa und meine Mama haben so miteinander gesprochen, daß das Verbrecher sind und so.“ Dies blieb auch den NSDAP-Mitgliedern des Ortes nicht verborgen und so wurde Frau Müller eines Tages gewarnt: ,Sei vorsichtig, du hast schon rote Punkte in der Leitung‚. Ein in dieser Zeit an maßgeblicher Stelle tätiger Parteigenossen, der in Sulz ein Büro hatte, gehörte zu jenen Männern, die es verstanden, die Macht auch auszuüben und so besuchte er die Familie Müller, um sie wegen ihrer angeblich zu nachlässigen Ablieferungspflicht punkto Milch zu rügen. „Und das vergeß ich natürlich nicht, weil meine Mutter hat das damals sehr getroffen, wie gesagt, er ist in der Wohnung auf- und abgangen und hat g‚sagt, wenn ma net abliefern, dann Σ und ,Wir müssen siegen‚, dann muß eben der Vater auch noch einrücken. Das ist dann auch wirklich passiert. Er ist noch zum Volkssturm gekommen 1944, mußte noch in die Slowakei, kam in russische Gefangenschaft in ein Lager in Rumänien und ist erst im Herbst 1945 wieder zu Hause gewesen.“
Wie schnell die Wandlung und Einstellung dieses Mannes auf die neuen Gegebenheit 1945 vollzogen war, durfte die Familie Müller im Herbst 1945 erfahren, als derselbe Mann in den Hof kam und sich nach Vater und Sohn erkundigte und erklärte, er habe sich immer geschworen: „Für das Gesindel (die Nazis, Anm. R. St.) keinen Finger krumm zu machen.“ „Also, das war dann schon stark. Weil vorher hat er noch gesagt, wir müssen siegen und so. Meine Eltern haben ihm das schon sehr übel genommen.“

Als der Krieg in die Heimat kam
Die Zeit des Nationalsozialismus, die Behandlung der Gefangenen, die Toten des Lagers treten in den Erinnerungen in Sittendorf angesichts der heftigen Kämpfe zu Kriegsende in den Hintergrund. Anfang April 1945 waren keine Filme mehr notwendig, um die „Volksgenossen“ der Front näherzubringen. Der Krieg, der mit den Männern ausgezogen war ˆ aus Sittendorf müssen 15 Personen als Opfer des Zweiten Weltkrieges beklagt werden ˆ, kehrte mit fremden Soldaten in die Heimat zurück. Da unmittelbar in der Nähe von Sittendorf die Front verlief, erlebten die Bewohner den Krieg hautnah. Bevor alles zu Ende ging, waren im Ort noch SS-Männer einquartiert, die sich eines Nachts „voll angesoffen haben Σ ist eh alles wurscht, so auf die Tour.“ Zu diesem Zeitpunkt sind schon seit Tagen die Flüchtlingskolonnen mit Wagen und den ungarischen Steppenrindern mit den großen Hörnern durch den Ort gezogen. In der Erinnerung von Josef Kaisers Gattin war dies um den 1. April. Am Ostersonntag mußte ihr späterer Mann den ganzen Tag „mit der „Flak fahren, nach Gaaden sind sie alle raus, die Mädchen, die beim Arbeitsdienst waren, mitsamt den Decken.“

Ein Tagebuch über die letzten Kriegstage
Ein authentisches Dokument liegt in den handschriftlichen Erinnerungen von Frau Kalcher vor, die das Anfang vom Ende Revue passieren läßt. „Gründonnerstag, 29. März: Es war ein sehr starker Durchzug von Flüchtlingen, Tag und Nacht alles nach dem Westen. 30. März, Karfreitag: Sehr viele flüchtige Ungarn und von den Grenzgebieten. Es hieß auch, alle Frauen und Kinder werden evakuiert. Wir waren sehr verzagt. Die SS tröstete uns und sagte, es ist noch nicht so schlimm. Der Russe kommt noch nicht so schnell. Der Feind stand schon im Gebiet von Wiener Neustadt.
1. April, Karsamstag: Es zogen dauernd Flüchtlinge durch. (Σ) Sie sagten, es ist unmöglich hier zu bleiben, wo der Russe vorgeht, bombardiert er mit Phosphorbomben. Ganze Dörfer brennen. Wir dachten an keine Ostern. Es war ein schrecklicher Anblick, wenn wir auf die Straße schautenΣ
2. April: Noch immer starker Durchzug. Wir fingen an zu packen. Wäsche und Lebensmittel. Wenn man die Flüchtlinge durchziehen sah, wußte man nicht, sollen wir auch fort oder hierbleiben. Es graut uns, unter freiem Himmel zu wandern und wohin? Die Straßen nach dem Westen waren schon vollgestopft, noch dazu immer Fliegerangriffe. Es hieß, wir flüchten uns nach Neuweg. Ein Teil von Sittendorf geht in den Zwickelgraben rüber, die anderen nach Neuweg. Herr Kaiser ist schon rübergefahren mit Brettern, um Unterstände zu bauen. Die Nacht von Montag auf Dienstag nicht geschlafen. Schwere Fahrzeuge durchgefahren. Öffentlicher Rückzug.
Dienstag, 3. April: 5 Uhr früh Abfahrt unserer SS nach dem Westen. Es war sehr traurig, was wird mit uns werden? Ein Teil der Ortsbewohner von Sittendorf fuhr mit Ochsen vollgepackt und Kühen in den Zwickelgraben. Die Steffi und ich mit Rad nach Sparbach. (Σ) Mutter und ich nahmen unsere vier Kühe, Jungochs, einen Stier und die Ziege mit, unser Rolferl (der Hund, Anm. R. St.) rannte auch mit. Wie die Russen dann da waren, ist der Hund in der Nacht raufgekommen. Der Russe steht in Wiener Neustadt. Es wurden Fabriken und sonstige militärische Stützpunkte gesprengt. Rundherum stiegen Rauchwolken auf von den Explosionen (Σ) Als ich runterkam war schon wieder SS in unserem Haus. Der Russe stand schon bei Baden, im Süden bei Neunkirchen und Gloggnitz. Wir nahmen auch unser Fahrrad mit, mußten bei Lechner noch einen Notstall aufstellen, um die trächtige Kuh unterzustellen. Man konnte fast nicht mehr über die Straße. Alles voll von Fahrzeugen und Geschützen. (…) Haben bis es finster war gearbeitet. Die erste Nacht in Neuweg war sehr ruhig. Droben waren wir fünf Personen.
Mittwoch, 4. April Vormittag: Runter ins Dorf. Der Rückzug hatte schon nachgelassen. Es waren nur mehr Nachrichten von der SS hier. Bei der Nummer 14 wurden im Garten Geschütze aufgestellt. Bei uns war SS einquartiert. Steffi und ich gingen zu Frau Tromayer hinauf. In 2 km Entfernung schlug dann die russische Artillerie ein, es war ganz schrecklich. Zirka 12 Uhr mittags sahen wir die Infanterie, die deutsche Infanterie, von Marbach vom Wald herauskommen, rannten die Felder runter zur Straße. Die Front war schon sehr nah. Ein SS-Mann sagte zu Steffi: ,Fräulein, wenn Sie sich retten wollen, dann ist es höchste Zeit!‚
Alles schepperte von den feindlichen Einschlägen. Wir liefen schnell nach Neuweg. Wir dachten, der nächste Einschlag ist bei uns. Da droben ist es ganz ruhig. Es mußten einige Ochsenwagen ins Dorf runter Holz führen, um Panzersperren zu machen.“

Die ersten Russen und der Brand
Am 4. April sind die Russen erstmals in den Ort gekommen. Die Ortsbewohner haben sich zu diesem Zeitpunkt bereits in die Wälder geflüchtet, ein Teil nach Neuweg „mit Ochsen und Wagen“ zum Beispiel die Familien Müller, Kalcher und Kaiser. „Da waren wir die erste Nacht in Neuweg, in einem großen Saal sind wir beisammen gewesen, halb Sittendorf ist da hinauf, und der andere Teil ist rüber in den Zwickelgraben.“
Einige Bewohner blieben im Ort und machten sich am späten Abend dann noch auf den Weg nach Neuweg, wie die alte Frau Tromayer, die wegen eines offenen Fußes nur in Holzschlapfen gehen konnte. „Die war schon über 70 Jahre alt, aber das war ganz furchtbar, wie die gekommen ist. Sie hat gesagt, es ist nicht zum Aushalten unten. Die hat so geweint, so bitterlich.“
Während die Begegnung mit den ersten russischen Soldaten friedlich verlief ( „Wir sagten, wenn alle Russen so nett sind, wie die, brauchen wir keine Angst zu haben.“ ), ändert sich das Bild in der Nacht schlagartig. Michael Winter ist einer, der die schlimmen Nachrichten zu den Geflüchteten bringt. „Er hat geweint, er sagte, die deutsche Propaganda ist die Wahrheit. (Σ) Die Russen sind alle besoffen. In einem jeden Haus sind welche drinnen. Sie schlagen alles kaputt, ganz unheimlich. Sogar die Katzen flüchten von einem Eck ins andere.“ In den Tagebuchnotizen von Frau Kalcher heißt es weiter über das Schicksal von Herrn Winter: „Michel mußte für einen gefallenen Russen im Kallinger-Garten ein Grab graben. Vom Boden mußte er für sie Säcke mit Getreide runtertragen. Die Russen hielten ihm dabei fortwährend die Pistole an. Abends sollte Michel und Herr Tromayer für besoffene Russen unbedingt Schnaps bringen. Sie drohten wieder mit der Pistole.“ Neuweg war jedoch nur eine Zwischenstation „und dann haben wir uns gedacht, die Russen sind durch, die ersten, und wir waren eigentlich nur müde da oben und so haben wir beschlossen, wir gehen z‚Haus, es ist eh nix. Wie wir aber z‚Haus kommen sind, war da ein derartiger Durchzug von dieser ganzen Front und diesen ganzen Militärs Richtung Westen, daß die Mauern vom Haus unten gezittert haben von den Panzern und alles…“ Ein Grund für den Abstieg ins Dorf dürfte möglicherweise auch das Gerücht gewesen sein: „Wir müssen runter ins Dorf, sonst werden die Häuser besetzt.“
Da die Gefahr noch keineswegs vorüber war, flüchteten viele Sittendorfer in den Pfarrhof zu Pater Severin. Nachdem am Nachmittag der Pfarrhof umstellt wurde und die Russen ihrer Forderung „Zivilisten raus“ auch mit Schüssen in die Fensterscheiben Nachdruck verliehen, flüchtete die Gruppe mit dem Pfarrer in den Zwickelgraben. Als es beim Haus Nummer 31 zu brennen angefangen hat, war die Familie Kalcher bereits wieder in ihrem verwüsteten Haus. „Da hat es ausgeschaut. Eine tote Gans ist da gelegen. Auf dem Herd ist so hoch die Hendlfettn gewesen. Haben wir uns noch gefragt, wo die die vielen Hendln hergehabt haben, dabei waren es eh unsere. Wir haben soviel eingekocht gehabt, Holler und so, damit war die Mauer angeschmiert. Die Russen haben das alles verschmiert, weil es ihnen nicht geschmeckt. hat“ Als Rauch aufstieg, liefen einige Frauen zum Gemeindebrunnen mit Kübeln, aber Kosaken „mit den langen Säbeln“ hinderten sie daran, den Brand zu löschen. Betrunkene Russen schießen in der Gegend herum. Als die Familie Kalcher in den Pfarrhof kommt, ist es Gewißheit: In Sittendorf brennt‚s. „Da haben die Kaiser gesagt: ,Brennt es bei uns auch?‚ Haben wir gesagt, das haben wir noch nicht gesehen. ,Aber‚, hat sie gesagt, ,ist eh egal, die sollen uns da erschießen, unseren Vater haben sie schon erschossen.‚“ Insgesamt brennen an diesem Tag acht Häuser der Familien Lederer, Zimmermann, Grasel, Kaiser, Strock, Sulzer, Wirmer und Maus nieder. Der Bruder von Patzelt versuchte noch aus dem brennenden Haus einen Sack Weizen zu retten, doch als er auf die Straße tritt, „da ist der Russ‘ ist hin und hat in den Sack hineingestochen alles ist ausgeronnen.“ Da die Bewohner mit dem Schlimmsten rechneten, knieten sich viele bereits rund um Pater Severin nieder und begannen zu beten.
Gottergebenheit kann auch nicht immer Schutz bieten und die alte Frau Widhauser soll energisch zu ihren Töchtern geschrieen haben: „Schauts, daß ausse kommts, wollt‚s euch da erschießen lassen! Alle waren bereits auf den Tod vorbereitet.“ „Na, jetzt sind wir halt alle wieder raus und der Pater Severin hat den Meßkoffer, wo er das Allerheiligste und das Notwendigste eingepackt hatte, mitgenommen und so sind wir raus, über die Stiegen hinunter. Ich habe Pater Severin den Koffer abgenommen, weil der damals schon älter war, die Poldi Gober war auch noch dabei. Der Herr Pfarrer hat den Lattenzaun niedergetreten, daß wir hinauskönnen in den Wald. Da haben wir so eine Latte genommen, durch den Koffer durchgefädelt und den haben wir bis in den Zwickelgraben nach hinten geschleppt.“

Die Ängste der Frauen und Mädchen
Die größten Ängste standen sicherlich die Frauen und jungen Mädchen des Ortes aus, die zu den unterschiedlichsten Mitteln griffen, um sich den Angriffen der russischen Soldaten zu entziehen. Als das Verstecken nichts mehr half und angesichts der zu verrichtenden Tätigkeiten auf dem Feld und in den Gärten nicht mehr möglich war, trugen viele schmutzige, alte Kleider mit Kopftüchern, um ja nicht die Begehrlichkeiten der Soldaten zu wecken. Frau Magdalena Patzelt konnte sich nur durch Glück vor russischen Soldaten retten.
Die Frau, bei der ich damals im Ort gewohnt hab‚, hatte zwei Kühe, und die mußten wir zur Tränke treiben. Meine Mutter hat gesagt, na warte, ,Ich nehme auch eine!‚ Und die Frau hat noch gesagt: ,Aber Frau Sulzer bleiben Sie da, lassen Sie die Tochter nicht allein, zum Schluß, wenn die Russen kommen.‚ Und sie sagt noch: ,So schnell wird doch nicht einer kommen, weil es eh nicht weit war zum Brunnen, und die gehen wirklich mit den Kühen fort und ich habe meinen kleinen Buben auf der Hand gehabt und höre schon, daß zwei Russen-Motorräder kommen. Das Haus hat vorne einen Eingang und hinten einen Eingang. Und ich bin mit meinem Kind beim vorderen Eingang hinausgegangen und habe mich auf die Stiegen hingesetzt. Der andere ist von hinten reingekommen, und einer ist von vorne gekommen. Meine Mutter hat das gesehen, hat gleich die Kuh stehen lassen und ist nach hinten gegangen. Zuerst haben sie das Haus durchgesucht und haben von meinem Mann eine Eisenbahnerkappe gefunden. Haben sie gesagt: ,Faschist, Faschist“, und haben meine Mutter mit dem Kappel gehaut. Sie hat gesagt: ,Nix Faschist, jetzt Krieg, weil der ist gar nicht da!‚ Ich bin da sitzengeblieben auf der Stiege mit meinem Kind auf der Hand. Und einer ist dann noch einmal reingegangen um weitersuchen und der andere hat sich hingestellt und hat mir zu verstehen gegeben, was er jetzt von mir will. Ich habe gesagt: ,Nein‚. Da war er still, hat sich wieder niedergesetzt und hat wieder ganz normal geredet. Das hat er ein paar Mal versucht, und ich habe immer drauf gesagt: ,Nein‚ und habe meinen Buben immer fester gehalten vor lauter Nervosität. Auf einmal steht er auf, nimmt den Revolver raus und schießt. Er hat nicht die Absicht gehabt, mich zu erschießen. Er hat daneben geschossen. Auf der Seite von mir ist die Kugel reingegangen und auf der Seite war das Fenster zersprungen bei der Eingangstüre. Wie er geschossen hat, bin ich aufgestanden, habe mein Kind genommen und bin Richtung Ortschaft gerannt. Und da war schon auf der Seite eine ganze Ansammlung von Leuten, ein großer starker Mann, ist vorgegangen und hat gesagt: ,Geh her zu mir, brauchst Dich nicht fürchten!‚ und der hat gesehen, daß der mich schützen will, ist ihn gleich mit der Maschinenpistole angegangen und ich bin einfach weitergerannt.“
Josef Kaiser sollte nicht der letzte Tote nach Ende der Befreiung sein, die von den Bewohnern keineswegs als solche erlebt wurde, denn am 1. Mai wurde Franz Bergauer mit 13 Messerstichen ermordet. Da das „Wildern“ und die Gewalttätigkeiten nicht aufhören wollten, entschloß sich eine Delegation von Sittendorfer ˆ unter ihnen der Rechtsanwalt Dr. Ludwig Mally und Michael Winter ˆ mit einem Ochsenwagen zur Kommandantur nach Mödling zu fahren. Mit Stiefeln gingen sie hinein und ohne Stiefel kamen sie heraus, so erinnert sich Josef Kaiser. Doch der Besuch blieb nicht ohne Folgen, denn im Haus Nummer 25 wurde ein Posten, ein russischer Polizist, stationiert und danach soll sich die Situation gebessert haben.
Die Ernährungssituation hat sich für die Bewohner erst langsam verbessert, ein Protokoll der Zuteilung hat Frau Kalcher in ihrem Tagebuch notiert. „Sonntag, 10. Mai 45: Je Person 20 dag Erbsen, 20 dag Bohnen, 17 dag Zucker, 5 Personen ca. 10 dag Kaffee, je Person 1 kg Brot.
Donnerstag, 24. Mai 45: Je Person 1/2 kg Brot.
Freitag, 25. Mai 45: Je Person 1/2 kg Brot.
Samstag, 26. Mai 45: Je Person 1/4 kg Mehl.
Mittwoch, 30. Mai 45: Je Person 1/2 kg Brot.
1. Juni 45: Je Person 20 dag Zucker und 60 dag Erbsen
2. Juni 45: Für 5 Personen 1/4 kg Margarine, ca. 25 dag Öl und 5 kg Brot.“

Zu Jahreswende 1945/46 griffen einige Sitendorfer zu einem ungewöhnlichen Mittel, um die Situation vor allem für die Familien, deren Häuser beim brand zerstört worden waren, zu verbessern. Klara Peyerl erinnert sich an den Silvesterabend bei Hetscherltee und Marmeladebrot ohne Butter als gemeinsam mit Johann Tromayer und Steffi Peyerl, der Schwester, der Plan gefaßt wurde, Theater für die „Abbrandler“ zu spielen. Die Geschichte wurde einem Bauerkalender entnommen und angesichts der raren männlichen Darsteller mußten zwei Mädchen in kurzen Lederhosen die Rolle der Burschen übernehmen. Die Theatergruppe Sittendorf war geboren und der Erfolg der ersten Aufführungen war ein Ansporn für weitere Aktionen. Eine Bühne mit Vorhang befand sich im Feuerwehrhaus, abgesichts des Andranges mußte auch bei Sitzgelegenheiten improvisiert werden. Gespielt wurden zum Beispiel am 21. und 22. April 1946 der Schwank „Das jüngste Gericht“, am 9. und 10. Juni 1946 die Bauernposse „Sepperl muaß heiraten“ und am 16. und 17. November der Schwank „s‚Heiratsfiaba“ und im Dezember „Der Jogl vom Wegscheidhof“. Die Karten waren im Vorverkauf beim Kaufmann Zimmermann zum Einheitspreis von 3.5,- Schilling erhältlich. „Der Reinerlös wird zum Wiederaufbau von Sittendorf verwendet“, heißt es auf der Ankündigung. Für die damalige Zeit „ein beachtlicher Betrag“ konnte auf diesem Weg für die Familien zur Verfügung gestellt werden.