Das Leben der Juden von Krems

Für Karl Emil Franzos, der in seinem Buch „Die Juden von Barnow“ die Geschichten der Juden eines fiktiven Landstädtchens gezeichnet hat, ist die Tradition der Juden mit einem tief ins Gesicht gezogenen Hut zu vergleichen, der dem Träger die Sicht auf die Realität nimmt. Bei den Juden von Krems war der Hut zwar noch ein beliebtes Kleidungsstück, bei manchen gehörte er zur täglichen Ausstattung, mit der Tradition, der Einhaltung der Sitten und Gebräuche nahmen es aber die wenigsten genau. Es war die Generation der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts geborenen Juden, die ohne die Sitten nicht leben wollten. Abraham Nemschitz beschreibt seinen Grossvater Jakob Sachs: „Er war zwar nicht unsinnig fromm, aber man kann schon sagen traditionell eingestellt, und er ging immer zu den Gottesdiensten.“1 weiterlesen

Vorwort

Robert Streibel, ein junger, schon durch mehrere wichtige Publikationen bekannt gewordener Zeithistoriker, ist ein gebürtiger Kremser, der die Geschichte seiner Heimatstadt Krems am Ausgang der Wachau genau kennt und erforscht hat. Sie war und ist berühmt wegen ihres vorbildlich gepflegten schönen mittelalterlichen Stadtzentrums, das mit Recht ein Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt ist. Sie ist auch eine Schulstadt, in der viele Schüler aus dem nördlichen Niederösterreich ihre Ausbildung bis zur Hochschulreife schon seit vielen Jahrzehnten erhalten. Als eine der wenigen alten Bürgerstädte unseres Landes war sie aber auch ein Zentrum deutschnationaler und später nationalsozialistischer Gesinnung. Dieser entsprach aber auch ein relativ starker Antisemitismus. Nach Streibel gehörte er im Klerus "zum guten Ton, der in allen Gesellschaftskreisen und je nach Parteizugehörigkeit in unterschiedlicher Vehemenz gepflegt wurde", obwohl die jüdische Gemeinde in Krems zwar alt, aber nicht groß war. Er manifestierte sich schon deutlich in der Zwischenkriegszeit und mündete nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich 1938 in der Vertreibung und Vernichtung der Kremser Juden. Der Verfasser ist mit Hilfe von privaten jüdischen Dokumenten und von Interviews mit überlebenden Verwandten dem Schicksal jedes Kremser Juden so weit wie möglich mit Interesse und Sympathie im wahrsten Sinne des Wortes nachgegangen. Die Darstellung selbst ist klar und sachlich, durch die Einbeziehung wichtiger Zitate seiner Quellen unmittelbar und fesselnd. Sie ermöglicht den Einblick in das alltägliche Leben gläubiger und assimilierter Kremser Juden und in das Verhalten ihrer nichtjüdischen Nachbarn. Am Ende steht das erschütternde Fazit in Namens- und Zahlenlisten: 59 Kremser Juden wurden in der NS-Zeit ermordet, 65 aus ihrer Heimat vertrieben – die Mehrheit fand Zuflucht in Palästina, sieben überlebten, zwei von ihnen in Krems, vier in Wien, eine Frau als "U-Boot" in Wien und Krems. Dieses Buch hat nichts mehr mit der eher beschaulichen Heimatforschung früherer Zeiten zu tun. Es ist ein Beitrag zur Geschichte der Unmenschlichkeit in einer kleinen, schönen österreichischen Stadt in einer Zeit, in der Menschlichkeit nicht gefragt und nur von wenigen praktiziert wurde. Damit ist es ein Teil jener Trauerarbeit, die bisher nur für wenige Orte in Österreich geleistet wurde. Wir brauchen sie für uns und die nachkommende Generation nicht nur in Krems.

Erika Weinzierl
Institut für Zeitgeschichte Wien

Einleitung

Die Botschaft in Heilmanns Abschiedsbrief in der "Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss ist klar: "Du an deinem Ort". Der Ort ist in diesem Fall Krems an der Donau. Die Verpflichtung: die Zusammenhänge zu deuten, ist gerade für diese Stadt in Niederösterreich mit einer langen nationalen, antisemitischen Tradition, die bis in die Jetztzeit reicht, besonders vordringlich. In mehrjährigem Bemühen versuchte der Verfasser, für eine Dissertation‘ über Krems 1938 bis 1945 am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien "winziger Fäden" habhaft zu werden. Hören Sie doch damit auf, wärmen Sie die alten Sachen nicht auf, geben Sie doch Ruhe nach 40 Jahren, wird denn nie ein Ende sein?" Mit dieser Haltung war der Verfasser bei seiner Annäherung an die Zeit des Nationalsozialismus in Krems häufig konfrontiert. Nicht immer wurde sie offen ausgesprochen, gedacht wurde sie auf jeden Fall. Krems lebt von seiner Geschichte. Für die Leistungen auf dem Gebiet der Altstadtsanierung wurde es sogar vom Europarat ausgezeichnet; Krems ist aber auch eine ahistorische Stadt, denn die einzige umfangreiche Geschichte stammt von Propst Anton Kerschbaumer2 und endet mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit den Jahrzehnten danach sind offensichtlich keine Fremden zu locken. Wäre die Zeit zwischen 1938 und 1945 ein weißer Fleck in den diversen Stadtführern, es wäre nicht das Schlimmste; ärgerlicher – und decouvrierender – sind hingegen die Eintragungen in der Chronologie, zum Beispiel von Franz Biberschick3. Dort heisst es über die jüngere Zeitgeschichte: "1939 – 1945 der Zweite Weltkrieg. Am 2.4.1945 wird Krems von den Amerikanern bombardiert, am 8.5. ziehen die Russen in die Stadt ein." Für das Jahr 1938 fällt Biberschick im Jahr 1951 nur der Bau des Donauhafens ein. Die Zeit bis zum Kriegsende ist lediglich durch einige "Bauvorhaben" gekennzeichnet. Im Führer4 über "die historische Stadt Krems a.d. Donau", der im Faber-Verlag erschienen ist, fehlt gleich der gesamte Zweite Weltkrieg. Selbst 1977 fällt Harry Kühnel5 zu dieser Zeit lediglich der Zweite Weltkrieg ein: "Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges und der Behebung der großen Schäden, die durch den Bombenangriff vom 2. April 1945 hervorgerufen worden waren, setzte vor allem im Osten von Krems eine intensive Bautätigkeit ein."

Aufgewachsen in dieser Stadt prägten den Verfasser die greifbaren Auswirkungen der Geschichte. Greifbar waren das Sappeurdenkmal im Stadtpark ebenso wie die Veteranentreffen im nahegelegenen Brauhof. Greifbar waren das schlichte Denkmal für die 300 von der SS ermordeten Häftlinge des Zuchthauses Stein ebenso wie die Erzählungen der Großmutter, die zehn Jahre als Bedienerin im Hause des jüdischen Rechtsanwaltes Dr. Paul Brüll gearbeitet hatte. Es mag wohl ein geographischer Zufall sein, dass das Elternhaus des Verfassers in der Mitte zwischen dem Kriegerdenkmal und dem Stein für die ermordeten Häftlinge liegt, prägend war dieser Gegensatz allemal. Entsprechend dieser Umgebung bleibt dem Verfasser nur, sich dem Seufzen des Dichters Jean Paul nach einem Spaziergang in seiner "Geschichte des Rekruten Florian Fälbels und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelwald" anzuschließen, das dem Nicht-Vergessen-Können entspringt, darüber, dass hier jene Schlacht geschlagen und dort jener erschossen wurde. Das offizielle Krems hat jedoch kaum mit Jean Paul "geseufzt", sondern viel eher gefeiert. und die Würdigung Dr. Herbert Fabers durch das "Goldene Verdienstkreuz der Republik Österreich" in den siebziger Jahren war nur der letzte Anlaß für den Verfasser, den Weg in die Archive anzutreten und nachzulesen, wie Dr. Faber 1938 schrieb und schreiben liess. Neben den Lokalzeitungen waren Interviews mit Zeitzeugen/innen in der ersten Phase die einzige Möglichkeit, sich an die Geschichte der Stadt anzunähern, da von seiten der Verantwortlichen in der Stadt immer wieder behauptet wurde, daß im Stadtarchiv nichts über die Zeit zu finden sei .6 Wo immer eine Antwort auf die Frage "Was ist geschehen?" zu bekommen war – und das war nicht die Regel – lautete sie in etwa: "Die Juden waren plötzlich weg. Drei haben sie geköpft, drei aufgehängt und 300 erschossen." Ein andere, Stenogramm der Geschichte einer Stadt, als es in den Chroniken zu finden ist. Während es für den Bereich des Widerstandes relativ einfach war, neben den durch Verhörprotokolle aufgezeichneten Aktionen ein Netz der Aktivitäten und einen Überblick über die soziale Zusammensetzung zu gewinnen, boten die Erinnerungen an die jüdischen Bürger der Stadt oft nur Anekdotisches: die schöne Stimme des Kantors, eine Aufzählung der Geschäfte, die Einladung zu einem Lokalaugenschein, die Bettwäsche und die Eheringe, die beim "Neuner-Jud" und beim "Bader-Jud" gekauft worden waren. Nut vereinzelt konnten am Beginn der Recherchen Personen gefunden werden, die die antisemitischen Schmierereien, die Räumung des Bethauses, die Verhaftungen und Demütigungen bezeugen konnten und wollten. Die so zusammengetragenen Erinne-rungsfragmente – insgesamt konnten mehr als 200 Interviews geführt werden‘ – boten die Grundlage für den Versuch, eine Geschichte über die Verfolgung der Juden zu verfassen. Die Angaben über Überlebende, die einmal in Krems gewesen sind, blieben vage. Erst der Kontakt mit dem Kremser Willi Glass in den USA, der in den siebziger Jahren nach Krems gekommen war, um sich mit den Jugendfreunden aus der Zeit der Roten-Falken zu treffen, bot die Möglichkeit, Verbindung mit den noch lebenden vertriebenen Kremsern in Israel aufzunehmen. Mit Hilfe von Abraham Nemschitz konnte der Verfasser 1987 nach Israel reisen,‘ Interviews führen und eine Reihe von historischen Fotos reproduzieren. Ein Jahr später konnten darüberhinaus Kremser in den USA inter-viewt werden.‘ Im Laufe der Jahre konnten Kremser in Israel, den Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreich, Grossbritannien, Kanada und Uruguay ausgeforscht werden. Die so gewonnenen Erkenntnisse konnten mit den Ergebnissen von Archivstudien im Archiv der Republik Österreich, im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und im Niederösterreichischen Landesarchiv10 verglichen werden. Als besondere Quelle erwiesen sich die Akten der Volksgerichtsverfahren nach 1945 mit deren Hilfe unter anderem zwei "Arisierungen" in Krems als Fallstudien dokumentiert werden konnten." Der Weg der Kremser Juden von Krems nach Wien und anschliessend in die Deportation oder die Flucht nach Palästina oder Übersee konnte vor allem mit Hilfe des Meldearchives des Wiener Stadt- und Landesarchives12 nachgezeichnet werden.

Der vorliegende Band gliedert sich in vier Abschnitte. Im Kapitel VOM ALLTAG ZUR VERTREIBUNG wird versucht, die Geschichte der Juden und ihrer "Mitbürger" in Krems vor 1938 darzustellen, dies reicht vom alltäglichen Antisemitismus, wie er von den jüdischen Kindern in der Schule erlebt wurde, bis hin zum sozialen, kulturellen und religiösen Leben der jüdischen Gemeinde. Das Kapitel Vom theoretischen zum praktischen Antisemitismus leitet die Darstellung der Verhöhnung und Vertreibung der Juden 1938 ein. Die Fallbeispiele von "Arisierungen" in Krems zeigen die unausgesprochene Komplizen-schaft zwischen den durchführenden Organen und Personen und den Nutzniessern, machen aber auch deutlich, welche sonderbaren Koalitionen die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte nach 1945 gehemmt oder verhindert haben. Der Abschnitt FAMILIENSCHICKSALE beinhaltet die Geschichte aller jüdischen Familien der Stadt und – soweit bekannt – des Landbezirkes. Ein Dokument eines schmerzlichen Erinnerungsprozesses sind die Briefe von Alfred Silbermann aus Florida, der von seiner Heimat nicht loskommt, aber selbst um "viel Gold nicht mehr nach Krems kommen würde". Der Abschnitt LEBENDIGE GESCHICHTE bringt eine Sammlung aus Briefen, Stellungnahmen und Erinnerungsbruchstücken, die deutlich machen, dass die Auseinandersetzung mit diesem Teil der österreichischen Geschichte kein Fall von "Gedenkjahren" ist, nach denen wieder zur Tagesordnung übergegangen werden kann, wenn langfristige Veränderungen erreicht werden sollen: die antisemitischen Schmieraktionen in Krems 1991 als Reaktion auf die positiven Stellungnahmen zur Errichtung eines Denkmals für die ermordeten und vertrieben Juden beweisen dies eindringlich. Im Abschnitt TAGEBUCH EINER FLUCHT ist es gelungen den langen Weg eines Kremser Juden nach Palästina zu dokumentieren. In einer millimetergroßen Schrift hatte Josef Nemschitz auf dem Schiff nach Palästina im Herbst 1940 Tag für Tag in kurzen Eintragungen die Fahrt und den Aufenthalt im Internierungslager der Engländer in Palästina festgehalten. Abraham Nemschitz hat das Tagebuch seines Vaters transkribiert, die Historikerin Gabriele Anderl stellt die Flucht der Familie Nemschitz in den Kontext der verzweifelten Versuche jüdischer Organisationen, Flüchtlinge über die Donau nach Palästina zu retten. Im abschliessenden Kapitel "Ist Krems besser als sein Ruf? " wird versucht, ein Resümee zu ziehen, das beim Vergleich der Umsetzung der antisemitischen Propaganda in verschiedenen niederösterreichischen Städten – aufgrund der bisher vorliegenden Zahlen – ein überraschendes Ergebnis zeigt. Diese Arbeit wäre ohne die Mithilfe einer Reihe von Personen nicht möglich gewesen. Für die wissenschaftliche Betreuung danke ich Univ. Prof. Dr. Erika Weinzierl. Für wertvolle Hinweise und die Vorbereitung meiner Kontakte in Israel danke ich Abraham Nemschitz und Robert Kohn. Hinweise auf Quellen und Archivbestände lieferten neben den bereits genannten Personen Dr. Klaus Dieter Mulley , Dr. Michael John, Dr. Klaus Lohrmann und Franz Kral. Bei der Vermittlung von Zeitzeugen in Krems und Umgebung war vor allem Karl Mörwald eine Stütze. Als Gesprächspartner danke ich Dr. Gerhard Bisovsky, Anna Grevers, Dr. Alexander Potyka, Alfred Schiemer und Dr. Hans Schafranek. Den Satz und die Transkriptionen besorgten Eva Lukas und Susanne Kahofer.

ANMERKUNGEN

1 Robert Streibel: Krems 1938-1945. Eine lokalhistorische Studie. Wien. Diss. 1990. 2 Bde.936 Seiten
2 Anton Kerschbaumer: Die Geschichte der Stadt Krems. Krems 1885
3 Franz Biberschick: Krems, Stein und Mautem. Eine kunst- und kulturgeschichtliche Wanderung durch die Donaustädte. Krems 1951
4 Die historische Stadt Krems a.d.Donau. Verlag Dr. Fonje. Krems o.J.
5 Harry Kühnel: Krems und Stein. München, Zürich 1977
6 Bis zum heutigen Tag konnte der Verfasser noch nicht im Archiv der Stadt Krems arbeiten, da offiziell nur eine kleine Schachtel mit Bildern und einigen Aufzeichnungen über den Bombenangriff 1945 vorhanden sind.
7 Die Länge der Interviews schwankt zwischen 30-minütigen Gesprächen, in denen Interviewpartner nur zu einem konkreten Vorfall Stellung nehmen wollten und mehrstündigen biographischen Interviews.
8 Die Reise wurde durch ein Auslandsstipendium, und dank der Unterstützung durch die Österreichisch-Israelische Gesellschaft und ein Wissenschaftstipendium der Stadt Wien möglich.
9 Der USA-Aufenthalt erfolgte im Rahmen eines Fulbright Stipendiums.
10 Für Hinweise danke ich Dr. Heinz Amberger und Dr. Ernst Bezemek.
11 Mein besonderer Dank gilt Dr. Walter Weis im Landesgericht für Strafsachen.
12 Für die prompte Erledigung meiner Wünsche danke ich Herrn Amtsrat Herbert Koch.

Zum Geleit

Die profunde Aufarbeitung eines kurzen düsteren Abschnittes unserer Stadtgemeinde durch Dr. Robert Streibel ist nicht nur im Hinblick auf das nahende Stadtjubiläum "1000 Jahre Krems 1995", bis zu welchem gerade die neuzeitliche Geschichte niedergeschrieben werden soll, von großer Wichtigkeit. Mit viel Engagement, mit bewundernswert weitläufigen Nachforschungen und einer lebendigen Darstellung hat Dr. Robert Streibel die letzten Jahre dieser jahrhundertelang in unserer Stadt beheimateten jüdischen Gemeinde ausgeleuchtet. Er hat damit auch schon vor Drucklegung des Buches manches bewirken können. Nach nahezu 50-jähriger Scheu weiter Kreise, sich mit dem Thema der Juden in Krems in den Jahren 1938 bis 1945 zu befassen, wurde durch Dr. Streibels Recherchen das Schicksal der Kremser Juden von damals in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Eine der erfreulichen Folgen war das Gemeinschaftswerk der Restaurierung des jüdischen Friedhofes in Krems in den Jahren 1989 bis 1991 durch Stadt, Land, Bundesdenkmalamt, Sozialministerium und den Schülern der "Höheren Technischen Lehranstalt für das Bauwesen" hier in Krems. Ein Gang durch diesen jüdischen Friedhof muss nunmehr jeden denkenden Menschen nachdenklich stimmen. Begegnet er dort doch nicht nur vielen Namen aus dem Buch Dr. Streibels, sondern spürt er dabei auch die Mahnung eines dunklen Kapitels unserer Stadtgeschichte. Wenn die Zielsetzung dieses Buches, durch dokumentarische Kommunikation einen Wall gegen zukünftige Menschenverachtung und Menschenvernichtung aufzurichten, vielleicht eine vage Hoffnung bleibt, so ist sie auf alle Fälle eine höchst notwendige.

Erich Grabner
Bürgermeister der Stadt Krems

Nachlese zwischen Gräbern

von Franz Niegelhell im "Standard" 23.12.2004

Mit lange verdrängter Vergangenheit befasst sich ein Aufsehen erregendes Projekt auf dem jüdischen Friedhof in Krems

Das Künstlerduo Clegg & Guttmann hat dort eine öffentliche Bibliothek errichtet.

Krems ˆ Der 1882 gegründete jüdische Friedhof in Krems liegt wie eine kleine vergessene Insel eingezwängt zwischen belebten Verkehrswegen. Betritt man ihn, tut sich aber ein ganz anderer Raum auf. Fast unmittelbar stößt man an eine Skulptur von Hans Kuppelwieser. Eine fast 50 Meter langes Metallband, das wie eine Schwelle nur ein wenig über dem Boden schwebt und auf dem Namen und Daten Namen und Daten der 129 ermordeten Kremser Juden zu lesen ist.

Nun gibt es hier eine neue künstlerische Arbeit. Clegg & Guttmann haben eine öffentliche Bibliothek errichtet. Gemeinsam mit Kuppelwiesers Arbeit tut sich hier insgesamt ein Erinnerungsraum auf, der vorbildlich für Österreich ist. Es sind drei Bücherregale ˆ Größe und Form erinnern an einen Grabstein.

Für Clegg & Guttmann ist dies eine soziale Plastik, deren Bausteine Institutionen und soziale Faktoren sind. Anders als bei der offenen Bibliothek, die Clegg & Guttmann 1991 als Kunstprojekt in Graz und ganz Österreich errichteten, ist hier nicht nur der öffentliche und soziale Raum, sondern der konkrete Ort im öffentlichen Raum Thema.

Lebendiges Gedenken
Ein Friedhof hat im Judentum eine direkte Verbindung zum Leben. Eine verstorbene und begrabene Person ist beispielsweise immer noch eine Person öffentlichen Rechts. So ist auch diese Bibliothek so etwas wie ein symbolisches Bindeglied zwischen den Toten auf dem Friedhof und den Lebenden. Und somit ist die Arbeit von Clegg & Guttmann durchaus ein Denkmal für die einstmals blühende jüdische Gemeinde in Krems. Der Historiker Robert Streibel bringt es auf den Punkt: "Krems an der Donau hat eine lange Tradition in Sachen Nationalsozialismus und Antisemitismus." Dieser Tradition soll nun offensichtlich ein Ende gemacht werden. Das Projekt geht zurück auf einen von der kunst im öffentlichen raum niederösterreich ausgeschriebenen Wettbewerb, aus dem ein Denkmal für einen in der Außenfassade der Piaristenkirche ehemals eingemauerten jüdischen Grabstein resultieren sollte. Diesen Wettbewerb gewannen Clegg & Guttmann. Die beiden Künstler arbeiten mit einem Kunstbegriff, der als "sozialkommunikativer Prozess" verstanden werden kann. Sie siedeln ihre Installation an Bruchstellen in der Wahrnehmung zwischen gesellschaftspolitischer Aktion und Skulptur an. Nicht zuletzt steht die Bibliothek auch für so etwas wie alternative Formen von Information.

Anlässlich des 700-Jahre-Stadtfestes im nächsten Jahr wird auf Initiative des Vereins Freunde des Jüdischen Friedhofs Krems außerdem das verfallene Wörterhäuschen auf dem Friedhof in ein Informationszentrum umgewandelt.
Die von den Architekten Walter Kirpicsenko und Alexander Klose geplante Architektur sieht eine zwölf Meter lange und sechs Meter breite Betonplatte vor, die von vier Glasplatten getragen wird. Diese sind gleichzeitig selbst Träger der Dokumentation zur Geschichte der Juden in Krems von Robert Streibel. Gleichzeitig wird auch der jüdische Grabstein aus der Piaristenkirche hier eingearbeitet. Bestandteil ist weiters eine Toninstallation von Konrad Rennert. Dort wird über die Schicksale von Juden in Krems berichtet. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.12.2004)

Bela Neubauer besucht das Grab seiner Mutter

Ein virtueller Besuch des Friedhofes. Bela Neubauer, der angesehene Psychoanalytiker, der heute in New York lebt, kann das Grab seiner Mutter auf dem jüdischen Friedhof virtuell besuchen.

Eingang des Friedhofes
Der Blick auf das Metallband von Hans Kupelwieser und der erste Eindruck von der öffentlichen Bibliothek mit den Bücherschränken.

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Entlang des Erinnerungsbandes zur Westmauer

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Das Grab von Rosa Neubauer und der Blick zurück Richtung Osten mit den drei Bücherschränken.

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Den Toten die Lebenden geraubt

Zur Eröffnung von Clegg/Guttmanns öffentlicher Bibliothek auf dem Jüdischer Friedhof Krems

Robert Streibel, 12.12.2004

Ist jeder Friedhof Geschichte? Auf Friedhöfen liegen abgeschlossene Geschichten. Im Judentum legt die Besucherin, der Besucher beim Besuch eines Grabes einen Stein auf das Grab. Dies kann auch so gedeutet werden, dass am Bau des Toten weitergebaut wird. Die Geschichte ist nicht vollendet. Der jüdische Friedhof in Krems ist Geschichte. Auf diesem Friedhof werden sie keine oder nur ganz wenige Steine finden. Hier wird an keinen Geschichten mehr gebaut.

Dieser Friedhof ist Geschichte und ist Teil einer Geschichte. Hier ist Vergangenheit begraben. Nicht nur die Toten, die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Krems und Umgebung waren und die wir kennen, auch unbekannte Tote liegen hier, denn bei der Errichtung der Installation von Clegg/Guttmann sind wir in nur 20 Zentimeter Tiefe auf Überreste von Menschen gestoßen, wo keine Gräber waren.

Hier liegt auch Vergangenheit, die zu lange verdrängt wurde. Die Vergangenheit ist nicht anonym 127 Namen sind es hier auf dem Denkmal von Hans Kupelwieser. Wo gibt es noch Orte an denen die Vergangenheit nie vergessen sein wird. Wer einen Friedhof besucht, der hat ein Bild eine Geschichte des Toten, der Toten präsent. Die Vergangenheit wird hier nicht vergessen werden, doch die Möglichkeit des nicht Wissens, des Nicht-mehr-Wissens ist hier größer. Ein jüdischer Friedhof wird für die Ewigkeit angelegt und die Steine als Erinnerung sind auch eine Befestigung der Grabstätte. Doch die Ewigkeit dauert in dieser Stadt oft auch nur einige Jahrzehnte, denn der zweite jüdische Friedhof auf dem Turnerberg musste Mitte der 30er Jahre aufgelassen werden und die Toten überführt werden, weil es zu massiven Grabschändungen gekommen war.

Kunstwerke sind wie Steine An diesem Friedhof finden sie keine Steine, hier wird nicht mehr gebaut und befestigt, doch hier finden sie nun zwei Kunstwerken, zwei Installationen. wer diesen Friedhof besucht, der hat hier keine Verwandten, keine Bekannten. Die, für die das noch zutrifft, die sind an einer, an zwei Händen abzählbar. Sie leben in Wien, in Deutschland, in Israel und in New York und manche wie der Psychoanalytiker Bela Neubauer besuchen den Friedhof und das Grab seiner Mutter via Internet. Und doch sind heute weit mehr gekommen und kommen zu verschiedenen Anlässen nicht nur wenn Denkmäler eingeweiht werden, um zum Beispiel hand an die Geschichte zu legen und den Friedhof wieder begehbar zu machen, um die Geschichte zu erleben

Die Verlassenheit dieses Friedhofs ist ein Ergebnis der Geschichte, die den Toten die Lebenden geraubt hat. Doch halt es war kein anonymes Walten, Mörder waren am Werk, kleine und große und sie hatten Helfer und Wegschauer.

Der jüdische Friedhof hier ist der letzte Platz, wo die Geschichte der Juden von Krems noch erlebt werden kann, eine lange Geschichte so alt die Stadt Krems selbst und wenn die Stadt im nächsten Jahr 700 Jahre feiert so ist dies eine einmalige Chance sich dieser Geschichte, die hier zwischen diese Mauern verbannt wurde, bewusst zu werden.

Ich hoffe, dass diese Chance ergriffen wird und muss mich sofort korrigieren, denn Hoffen ist etwas Passives und ich habe meine Zweifel ob dies genügt. Um die ganze Geschichte erfahren zu können, wissen zu können war in den letzten Jahrzehnten nicht wenig Aktivität notwendig und daran wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern. Daher hoffe ich, dass die, die heute hierher gekommen sind tätig werden. Für die Toten gibt es keine Lebenden mehr, doch wir können ihnen und uns die Geschichte geben und eine Neugestaltung des Friedhofswärterhauses würde die Basis dafür legen.

Die Bibliothek ist eröffnet

Rund 100 Menschen kamen am Sonntag, dem 12.Dezember bei eisigen Temperaturen zur Eröffnung der ersten öffentlichen Bibliothek auf den jüdischen Friedhof in Krems.

Rund 100 Menschen waren bei eisigen Temperaturen zur Eröffnung der ersten öffentlichen Bibliothek auf den jüdischen Friedhof in Krems gekommen, viele hatten Bücher unter dem Arm, um sie in einem drei Bücherschränke zu deponieren.

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Dr. Avshalom Hodik von der Israelitischen Kultusgemeinde dankte für die Initiative, die den Friedhof in Krems zu einer Begegnungsstätte mit der Vergangenheit gemacht haben. Bürgermeister Franz Hölzl umriss die lange und schmerzliche Geschichte der Juden in Krems und vergaß nicht zu erwähnen, dass ein wesentlicher Teil der wirtschaftlichen Bedeutung der Stadt Krems im Mittelalter der jüdischen Gemeinde zuzuschreiben ist.

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Den Plan, das Friedhofswärterhaus zu einem offenen Museum umzugestalten, wie dies auch Robert Streibel in seinen Begrüßungsworten skizziert hatte, sagt Bürgermeister Hölzl seine volle Unterstützung zu. „Wir werden dieses Projekt unterstützen.„

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Im Anschluss an die Eröffnung der öffentlichen Bibliothek präsentierte der Komponist Konrad Rennert im 1. Stock des Autohauses Hänfling, das seine Verkaufsfläche mit direktem Blick auf den jüdischen Friedhof zur Verfügung gestellt hatte, sein Werk Rezital in dem er die Korrespondenz der Juden von Krems mit Dienststellen in Krems und Wien mit einer Musikcollage und Flötenklängen (Katharina Wurglits) unterlegt hatte.

Die beiden Architekten Alexander Klose und Walter Kirpicsenko stellten den Plan für die Neugestaltung der Friedhofswärterhauses im Sinne eines Gedenkraums vor. Nach der Zusage von Bürgermeister Franz Hölzl könnte der Startschuss für dieses Vorhaben schon im Jänner 2005 fallen.

Pressereaktionen
Nachlese zwischen Gräbern (Standard 23.12.2004)

Reaktionen zur Eröffnung der Bibliothek

11.12.2004

Herzlichen Dank für Ihre Einladung zur Eröffnung der öffentlichen Bibliothek auf dem Jüdischen Friedhof Krems.

Diese Einladung hat mich leider so spät erreicht, dass es mir nicht möglich sein wird zur Eröffnung zu kommen. Wir werden uns aber gerne mit einem Buch aus unserer Bibliothek an Ihrem Projekt beteiligen. Wenn also auch nach der Eröffnung Interesse besteht, bitte ich um Ihre Nachricht. Mit herzlichen Grüssen

H.Thun

Prov. Leit.HTBL Krems

28.11.2004
Ich bin beeindruckt,was für detaillierte Informationen diese Page enthält und bewundere Ihre Arbeit und die Ihrer MitarbeiterInnen.Bitte informieren Sie mich,in welcher Form man Ihr Werk und die Fortsetzung desselben unterstützen kann.
Mit besten Grüssen verbleibe ich
Sylvia Stein-Krumholz

Eine Bibliothek entsteht

Arbeit für das Fundament der drei Bücherschränke im August 2004

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