Virtueller Friedhof: Nord-West Abschnitt

Grab 100 - Erich Pollak Grab 95 - Anna u. Moriz Schafranek Grab 86 - Adolf Rappa Grab 94 - Leopold Weiss Grab 93 -Simon Weiss Grab 98 - Johann Kreuzer Grab 96 - Josef Kerpin Grab 90 - Ismael Sch... Grab 99 - Anna Weiss Grab 91 - Rosalia Randler Grab 92 - Julius Schwarz Grab 97 - Rosalia Winkler Grab 89 - David Siegler Grab 87 - Resi Seidl Grab 88 - Hermann Reich Grab 43 - Josefa u. Hermann Karpfen Grab 42 - Leopold u. Charlotte Auspitz Grab 41 - Rebecca Kolb Grab 40 - Karoline Stiassni Grab 39 - Josefine Singer Grab 38 - Anna Singer Grab 37 - Rosa Kohn Grab 36 - Cäcilie Friedmann Grab 35 - Johanna Frischauer Grab 34 - Philipp Lederer Grab 33 - Rosalie Kohut Grab 32 - Theresa Kohut Grab 31 - Moriz Kohut Grab 30 - Julius Wolf Grab 29 - Elias Marktreiter Grab 28 - Johann u. Rosa Pohfka Grab 27 - Anna Goldstein Grab 26 - Salomon Sachs Grab 25 - Moritz Billitz Grab 24 - Katharina Karpfen Grab 23 - Fanny Schlesinger Grab 22 - Ida Subal Grab 21 - Rosa Neubauer Grab 20 - Wilhelm Schlesinger Grab 19 - Josefine Schreiter Grab 18 - Albert Neuner Grab 17 - Adolf Goldnagl Grab 16 - Eduard Schafranek Grab 15 - D. Stein

Die Illusion, mit einem anderen Namen überleben zu können Die Familie Max Kohn

Die Familie Kohn ist seit dem Jahre 1873 1 in Krems ansässig. Sie war aus Lackenbach, damals Komitat Ödenburg gekommen. Robert Kohn erinnert sich, daß sein Großvater den ursprünglich jüdischen Namen Nachman auf Neumann ändern ließ. Der Grund – die Verschleierung der Herkunft – liegt auf der Hand, zwei Generationen später sollte Robert Kohn, der Enkel, einen ähnlichen Schritt tun, und seinen Namen auf Hall umändern lassen. Die Illusion, mit diesem Namen in Österreich überleben zu können, hatte er allerdings nicht. Der Vater Robert Kohns, Max Kohn, wurde 1875 in Krems geboren und lernte seine spätere Frau Franziska in Wels kennen. "Jemand hatte die Ehe vermittelt und mein Vater wurde nach Wels geschickt. Nach der Hochzeit hat er in Linz ein Geschäft eröffnet in der Wiener Reichsstraße."2 Die Geschäfte gingen nicht gut, und so übersiedelte die Familie nach Krems. "Wir waren eine Familie, die die jüdischen Gebräuche einhielt und die mit dem Judentum verbunden war, aber nicht im jüdisch-orthodoxen Sinn. Es gab kaum fromme Leute, und die Gebräuche wurden nur sehr oberflächlich eingehalten, aber es gab einen absoluten Zusammenhalt zwischen den einzelnen Mitgliedern der jüdischen Kultusgemeinde. In dieser Atmosphäre sind wir aufgewachsen."

DAS GESCHÄFT

"Mein Vater war ein Kaufmann und hatte in Krems, Untere Landstraße, einen kleinen Laden für Schuhe und Kleider. Seine Kundschaft waren meist Bauern aus der Umgebung. Unser Geschäft war am Anfang des Ersten Weltkrieges ein gutgehendes Geschäft. Mein Vater war nicht sehr tüchtig und hat es schlechter geführt als meine Mutter in den Kriegsjahren, wobei man einräumen muß, der Warenhunger war sehr groß während des Ersten Weltkrieges. Meine Mutter hat es ja verstanden, uns Waren zu verschaffen und hat auch viel eingetauscht. Da ein ungeheurer Lebensmittelmangel war, hat sie für unseren persönlichen Bedarf Ware gegen Lebensmittel eingetauscht. So haben wir keinen Hunger gelitten. Allerdings, den Geschäftsleuten ist es allgemein, trotz der Not in Österreich, nicht schlecht gegangen. Unser Geschäft war ein altmodischer Laden. Mein Vater hat während der zwanziger Jahre oft daran gedacht, ihn zu vergrößern oder zu verschönern, aber es fehlten immer die Mittel. Wir hatten ein Schaufenster und einen Eingang, ein schlauchartiges Geschäft ohne Seitenlicht. Außerdem war das Schaufenster mit Holztüren zu schließen. Tagsüber hingen an den Holzläden Waren. Mein Vater nannte das ‚Aushang‘, das waren meist Bauernhosen, Bauernschuhe, Stiefel, alles ohne Preis. Im Schaufenster lagen bessere Schuhe, Stadtschuhe, Tanzschuhe. Die Textilware kaufte mein Vater in Wien. Da hat es immer Schwierigkeiten gegeben, mein Vater war ein kleiner Kaufmann, er bekam Kredit immer nur für 30 Tage. Das war in der flauen Zeit schwer. In späteren Jahren ging er eine vorübergehende Partnerschaft ein. Ein Wiener Kaufmann ohne Geschäft kaufte Artikel zweiter Wahl und gab sie dann billig ab, zu diesem Zweck tat er sich mit meinem Vater zusammen und verstand es die Ware anzupreisen. Er verteilte Flugzettel in der Stadt: `Der billige Verkauf bei Max Kohn hat begonnen‘. Der Partner war kein Jude, ein richtiger Wiener, ein dicklicher Mann, sehr humorvoll. Wenn er im Geschäft gesessen ist und die Bücher geführt hat, hat er einen Spruch gehabt, den hat er immer gesagt: ‚Wo ist denn mein Walzerl?’a. Das wird so 1927/28 gewesen sein. Nachdem die Familie Karpfen im Jahre 1933 Krems verlassen hat, übergab sie meinem Vater den Handel mit Fellen und Weinstein, den sie in Krems aufgebaut hatte. Die Karpfen, nach ihrer Lagerhalle in der Mitterau in Krems ist auch der Karpfenstadl benannt, kauften Felle, Weinstein und Lumpen von den Bauern und schickten das dann an Wiener Fabriken. Mein Vater hat dann das als Nebengeschäft bis zu seiner Emigration weitergeführt. Mein Vater war im Ersten Weltkrieg eingerückt und war drei Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Von seinem Kriegseinsatz sind ihm große Narben auf den Waden geblieben. In diesem Zusammenhang fällt mir ein Beispiel für den Antisemitismus in ‚ruhigeren‘ Zeiten ein. Die Kriegsgefangenen aus Rußland hatten in Krems eine Vereinigung. Der Vorsitzende war ein Malermeister Fürst aus Krems, der über Umwege mit uns sogar verwandt war – was ihm natürlich gar nicht paßte. Einmal ist ein Kamerad zu meinem Vater gekommen und hat ihn aufgefordert, zur Zusammenkunft zu kommen. Mein Vater zögerte lang, ging dann aber doch einmal hin. Der Fürst war der Vorsitzende, am Beginn stand er auf und sagte: `Da ist der Max Kohn, er möchte Mitglied werden. Hat jemand etwas dagegen?‘ Nach dieser Szene ging mein Vater dann nicht mehr hin. Wenn

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Das Geschäft von Max Kohn in der Unteren Landstraße 36

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Max und Franziska Kohn
mit ihren Kindern Alice und Robert 1914

es eine Vereinigung aller Kriegsgefangenen gibt, hätte man ihn doch automatisch akzeptieren müssen, da er doch auch Kriegsgefangener gewesen war. Wie überall kamen die Kremser Juden zu den Feiertagen zusammen um zu beten. Man nannte das’Drei-Tage-Judentum‘, die restliche Zeit nahm man es mit den Ritualen nicht so genau: Die drei Feiertage sind die beiden Neujahrstage und der große Fastentag Yom Kippur. Da fand man den Tempel voll und alle Gebete wurden genau nach Vorschrift gebetet. Es gab nur.ganz wenige Familien die sich an die Vorschriften hielten und nur geschächtetes Fleisch aßen. Der große Teil lebte ziemlich frei, was Speise und Trank betraf. Aber der Kontakt mit der jüdischen Gemeinschaft und der jüdischen Tradition war da."

ANMERKUNGEN

1 Hannelore Hruschka. Die Juden in Krems. Bd.2. S. 287
2 Robert Kohn. Interview
3 Ebd.
4 Gemeint ist eine Walze mit Löschpapier

‚Ein guter Fußballer, leider ein Jud‘ Josef Nemschitz beim Kremser Sport-Club

Der Kremser Sport-Club wurde am 24. August 1919 gegründet. Der prominenteste Spieler der Frühzeit war Josef Nemschitz, der Kapitän der Mannschaft, der im Infanterieregiment Nr. 84 in Krems diente und bereits beim WAC (Wiener Athletic Club) gespielt hatte. Neben Nemschitz konnte noch der Fußballer Hickl auf Erfahrungen bei einem Wiener Klub, bei Rapid Wien, hinweisen. Diese beiden Spieler gründeten den "Kremser Rapid", die Dressen waren schwarz und rot, dementsprechend waren auch die Torstangen gestrichen. In der Chronik des Kremser Sport-Clubs heißt es zu diesem Vorstadium der Sport-Clubs: "Von einem Sport- und Fußballklub konnte noch nicht gesprochen werden. Es war eine ‚wilde‘ Gemeinschaft, in der jeder für die Ausrüstung und sonstigen Auslagen aufkommen mußte…‘ Während in der Chronik das erste Spiel des Sportclubs erst mit 10. August 1919 datiert ist, berichtet die "Land-Zeitung" bereits am 29. April vom ersten Fußball Provinzmeisterschaftsspiel des Krems-Steiner Sport-Clubs, das 1:1 ausgegangen ist. Im Kommentar zum Spiel wird der Tormann Zaruba und Nemschitz und Bauer als "glänzend" gelobt, den übrigen Spielern wird eifriges Training und Kombination empfohlen.2

weg S 105:

Kremser Sport-Club 1919
Stehend (v.l.n.r.) Petermann, Dworschak, Schwarz,
Janusch, Krompas, Zeilner, Prof. Hauke, Kohlhofer,
Kirchhofer, Dr. Zaruba, Nemschitz, Reuböck, Pichler
sitzend (v.l.n.r.) O. Zaruba, Matouschek, Hackl

Das erste Spiel, das in der Chronik verzeichnet ist, gewann der Krems-Steiner SC mit einem beachtlichen 5:0 Sieg über Sturm 19 St. Pölten.

EHRUNG FÜR JOSEF NEMSCHITZ

Im Jahr 1920 stellte Josef Nemschitz eine Verbindung zum ehemaligen Stammverein WAC her. Am 1. Mai siegte der WAC mit 1:0, während beim Spiel der Reservemannschaften die Kremser klar mit 4:0 siegten. Im Oktober 1920 siegte der Krems-Steiner SC auswärts gegen St. Andrä-Wördern. "Heil den braven Elf! und unserem Nemschitz, der speziell zu dem Siege alles beitrug."3, schrieb die "Land-Zeitung". Besonders gelobt wurde das Duo Nemschitz, Frauenschild, das in der Abwehr wie eine Mauer gestanden sein soll. Beim Spiel am 14. November 1920 gegen Sturm 19 St. Pölten wurde Josef Nemschitz von einem Vertreter des Österreichischen Fußballbundes eine Anerkennungs-medaille zum 20jährigen Spielerjubiläum überreicht. Das letzte Spiel von Josef Nemschitz für den Krems-Steiner Sport-Clubs gewannen die Kremser gegen Zenta Wien mit 2:1. Der Grund für das Ausscheiden von Josef Nemschitz vom Krems-Steiner Sport-Club kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Seine Söhne führen dieses jedenfalls auf den Antisemitismus zurück. "Man hat ihn dann eigentlich hinausgeschmissen, weil er Jude war. Dann hat er noch bei Vorwärts gespielt."4

weg S 106:

Ehrung für Josef Nemschitz in Krems

Fritz Nemschitz, der die Fußballeidenschaft von seinem Vater geerbt hat – vom Direktor der Realschule bekam er aufgrund mangelnder Leistungen Fußballplatzverbot – kann sich an eines der letzten Spiele des Vaters beim Sport-Club noch erinnern. "Man hat ihn angerempelt, er hat aber weitergespielt, aber ich habe angefangen zu weinen und war nicht mehr zu trösten, ich war damals vier, fünf Jahre."5

DER KREMSER SPORT-CLUB UNTER NATIONALER FÜHRUNG

Daß das Ende der sportlichen Karriere von Josef Nemschitz beim Kremser Sport-Club mit der politischen Ausrichtung des Vereines zusammenhängen dürfte, wird durch einen Akt der Bezirkshauptmannschaft Krems aus den Jahren 1936/1937 belegt, als es den Heeres-angehörigen verboten war, "im Kremser Sport-Club zu spielen, da der Verein sowohl nach seiner inneren, als auch nach seiner äußeren Struktur als nationalsozialistisch eingestellt angesehen (wurde)."6 Begründet wird das mit der Zusammensetzung des Vereinsvorstandes wie auch der Mannschaft. Neben dem Cafetier Gustav Ulrich, dessen Kaffeehaus der Treffpunkt der Nationalsozialisten war, waren im Sport-Club noch Otto Stolz7 und Johann Salize tätig. Das seinerzeitige Vorstandsmitglied Karl Baier war ebenfalls wegen illegaler Betätigung verhaftet worden. Bereits wegen nationalsozialistischer Betätigung mehrmals verurteilt waren die Vorstands- oder Mannschaftsmitglieder Johann Sedlmayer, Karl Staritzbichler und und Viktor Lieben. All diese Tatsachen werden für den Bezirkshauptmann noch bekräftigt durch die Tatsache, "daß der Verein seit seiner Gründung stets unter nationaler Führung stand und später mit dem Wachsen der nationalsozialistischen Partei ganz in nationalsozialistisches Fahrwasser geriet."8 Nach seiner Karriere als Fußballer war Josef Nemschitz Schiedsrichter und soll auch das Spiel Kremser Sport-Club gegen Uruguay im Jahr 1925 gepfiffen haben. Die Tätigkeit als Schiedsrichter übte Josef Nemschitz auch noch in Palästina aus, wie aus dem Tagebuch von Josef Nemschitz hervorgeht.

ANMERKUNGEN

1 Chronik des Kremser Sport-Clubs. Ohne Datum
2 Land-Zeitung. 29.4.1919
3 Land-Zeitung 7.10.1919
4 Fritz Nemschitz. Interview
5 Ebd.
6 NÖLA BH Krems XI/154/61/1938
7 Nach 1938 Kreispropagandaleiter von Krems
8 NÖLA BH Krems XI/154/61/1938. Bericht des Bezirkshauptmannes an die Sicherheitsdirektion vom 6.2.1937

‚Ich habe nichts anderes zu tun, als mich zu erinnern‘ Die Briefe des Alfred Silbermann

Im Zuge eines Forschungsaufenthaltes des Verfassers in Israel berichtete ihm Robert Kohn von Alfred Silbermann, der Krems ebenfalls bereits Anfang der dreißiger Jahre verlassen hatte. In Palästina arbeiteten Robert Kohn und Alfred Silbermann in einer kleinen gemeinsamen Tischlerei. Ihre Wege trennten sich, und erst in den achtziger Jahren, nachdem Alfred Silbermann in die Vereinigten Staaten übersiedelt war, kamen die beiden wieder in Kontakt. Über diesen kleinen Umweg erhielt der Verfasser die Adresse von Alfred Silbermann in Miami, USA. Alfred Silbermann schrieb sich in den

weg S 89:

Alfred Silbermann vor seinem Haus
in Miami (Florida, USA) 1988

 

folgenden drei Jahren seine Trauer über die ermordete Familie, den Ärger über das heutige Österreich von der Seele. In seinen oft wöchentlichen Briefen ersteht das Krems, das er 1933 verlassen hat und das ihn auch heute noch nicht losläßt. Unterstrichen wird dies nicht zuletzt durch den ständigen Wechsel zwischen Deutsch und Englisch. Diese lebendige Mischung wurde in dieser ausschnittweisen Dokumentation von Silbermanns Briefen beibehalten, da nicht zuletzt sie das Problem der geraubten Heimat veranschaulicht.

 

1.2.1987
„The Song is gone, the melody lingers on. I celebrated my 75 th birthday a few days ago and as 1 have nothing eise to do I look back in anger an my own faults and obstacles in my life. My father was born 1848 in a small town in Hungary (Austro-Hungarian Monarchy). My mother in Landhausen, a hamlet between Krems and St. Pölten. In short 1880 he opened a little grocery and haberdashery in Statzendorf. Nearby is a coalmine. So 1910 he called it quits and moved to Krems to take it easy. In the meantime seven children were born. 1 am the youngest, born in Krems. He had saved quite some cash so he could afford to live from the interests. Well, what happened two years later I must not teil you. As he was a good patriot he put all his money in warbonds against the advice of friends to buy also goldcoins or land. My sister, she is four years my senior, told me he even took the brass handles off the house and put an fron ones. Then Austria was bancrott. They made a law Krone ist eine Krone. All the warbonds were just good enough to wipe somebodies part. I was then six years and the oldest 18. And so at the age of seventy he was compelled to go as peddler from village to village in order to make some money. And this story makes me furious about the goddam motherfuckin‘ sons of bitches. 1 mean the Christlichsoziale Partei and all the verfluchten Kuttenbrunzer and Pfaffen. They were the majority in the Parlament. Because we had the house Stadtgraben 16 he could not get Altersrente. You know when he got it? One year after his death the Briefträger showed up even with a Nachzahlung für ein Jahr. Of course as he was no more alive the postman took the 1.300 Schilling back. My mother applied and after nearly two years she got old age rent. If you ever are in Krems you can have a look. As if we could have eaten the house.“ weiterlesen

Kein Friedhof mit Bahnanschluß Der jüdische Friedhof in Krems wird renoviert

Die Zeit und die Gleichgültigkeit haben das Gerippe der Mauer bloßgelegt. Die roten Ziegelsteine leuchten, vor allem dann, wenn der Wind den Regen gegen die Umgrenzungsmauern des jüdischen Friedhofes in Krems treibt. Nach diesem Leuchten ist es nur mehr eine Frage von Jahren, bis die ersten Steine aus der Mauer gerissen werden. Ziegel sind vielfältig verwendbar. Die Natur und das politische Verhalten der Menschen haben sich in den letzten Jahrzehnten vielleicht weniger geändert, als manche annehmen wollen. So wie heute muß auch der alte, 1853 angelegte jüdische Friedhof auf der Kremsleithen‘ in den dreißiger Jahren ausgesehen haben, vielleicht haben damals Ziegel einen noch größeren Wert gehabt als heute. Ein Friedhof auf einem Weinberg, ein schöner Blick für Landschaftshungrige, ein langer Marsch für die Sargträger. Es war nicht der schöne Ausblick, der den politisch Verantwortlichen im vorigen Jahrhundert diesen Standort für den jüdischen Friedhof als einzig akzeptablen erscheinen ließ. Malerisch liegt die Stadt dem zu Füßen, der den Flecken heute findet.2 Eine gehörige Distanz sollte wohl zwischen toten Juden und den Christenmenschen liegen, bloß der landschaftliche Blickkontakt war gestattet. Mindestens ein Tal sollte dazwischen liegen.

weg S 178:

Nur eine Mauer erinnert an den alten jüdischen Friedhof
im Kremstal

Im Jahre 1882 durften dann die toten Juden immerhin bereits in einer Ebene mit den Christen liegen, noch immer außerhalb der Stadt, aber immerhin.3 Der Friedhof auf dem Berg diente höchstens den Jugendlichen der alteingesessenen jüdischen Familien in Krems als Ausflugsziel. Die Ziegel der Umfassungsmauer jedenfalls wechselten ihre Besitzer, zuerst einzeln, dann reihenweise. In der Nähe des ehemaligen jüdischen Friedhofes im Kremstal steht heute ein Haus. Ob Ziegel der Friedhofsmauer sein Dach tragen? Den praktisch Veranlagten folgten die politischen Wüstlinge. Nicht einmal die Totenruhe für Juden sollte gewährleistet sein. Mitte der dreißiger Jahre stimmte die Kultusgemeinde der Exhumierung der Gräber zu. Belege dafür? Die Zeitzeugen dieser Aktion leben heute in der Welt verstreut. Abraham, Paul, bei den anderen sind selbst die Vornamen, geschweige denn ihr Schicksal vergessen. „Wir sind gesessen und haben die Knochen gezählt.` Waren es fünf Jugendliche, die dieser Pflicht nachkamen, wieviele haben gegraben? Kurt Hruby, heute in Paris, der bei dieser Exhumierung ebenfalls anwesend war, bittet bei einer Renovierung des Friedhofes darauf zu achten, „daß Grabstätten der 1936 vom alten jüdischen Friedhof exhumierten Toten als solche gekennzeichnet werden. (…) Falls niemand mehr weiß, wo sich die Gräber befinden, müßte ich einmal kurz nach Krems kommen, denn ich erinnere mich sehr gut an den Platz, wenn er auch heute nur ein Rasen ist. (…) Er liegt am linken Friedhofsfeld, – vom Eingang her gesehen – anschließend an die Gräber der in der Strafanstalt Stein verstorbenen jüdischen Häftlinge, deren Gräber keine Grabsteine haben.“5 weiterlesen

‚Noch heute vergieße ich Tränen‘ Das Schicksal der Familien Grinblatt und R.

Maximilian Grinblatt betrieb in Albrechtsberg a.d.gr. Krems "mehrere Gewerbe (Fuhr-werksunternehmen, Viktualienhandel und Häutehandel)" und besaß ein Haus mit Landwirtschaft, wie es in der Erfassung der jüdischen "Mischlinge" des darmeriepostens Weißenkirchen im August 1943 hieß.‘ Für Maximilian Grinblatt, der als Kriegsgefangener‘ des Ersten Weltkrieges in die Gegend verschlagen worden war, bedeutete der 12. März 1938 noch keine Tragödie. "Wenn sie uns nichts machen, so arbeite ich halt."‘ Doch daran dachten die illegalen Nationalsozialisten des Ortes nicht: vor dem offiziellen Fackelzug nach der "Machtergreifung" erschienen bereits an die 20 Personen vor dem Haus Maximilian Grinblatts, Rufe wie "Jude hin, Jude her" wurden laut und die ersten Steine

weg S 82:

Ein Bild aus glücklicheren Tagen
Rosa und Otto R. mit Sohn

flogen. "Ein Geschäftsmann von Albrechtsberg, war auch dabei, der hat ein Geschäft gehabt und X Häuser." Die Knechte und die Magd, die bei Grinblatt beschäftigt waren, durften den Hof nicht mehr betreten. ("Die haben geweint und alles.") Da es den Familienangehörigen alleine nicht gelang, die Ernte einzubringen, waren sie auf Hilfe angewiesen. Doch wer sollte Juden in dieser Zeit schon helfen? "Illegale (Nationalsozialisten Anm.R.St.) aus der Umgebung sind zu uns gekommen und haben uns demonstrativ geholfen. Die haben sich die Machtergreifung auch anders vorgestellt."4 Im September werden Soldaten in das Haus der Grinblatts einquartiert, die deutschen Soldaten genießen die Gastfreundlichkeit und stellen bei Tisch fest: "Hauptsache ist, daß ihr keine Juden seid. Am nächsten Tag sind die nimmer gekommen, da hat man es ihnen schon verboten." Wenige Tage später, als der Pogrom im November beginnt, wird auch Maximilian Grinblatt, vom Schnapsbrennen weg, verhaftet. "Ein gewisser Herr Jäger aus Els, ein Bäcker aus Weinzierl und ein dritter sind zu meinem Vater hingegangen und haben ihm die Pistole angehalten: `Ihr Bruder hat den Rath in Paris umgebracht‘."5 Das Fahrgeld von 30 Schilling für die Fahrt nach Krems muß der Verhaftete selbst aufbringen. Nach ein paar Wochen erfährt die Familie, daß der Vater im Kreisgericht eingesperrt ist. Die Behandlung der Gefangenen kann an der Wäsche abgelesen werden. "Die blutigen Taschentücheln haben sie uns heimgeschickt." Nach seiner Freilassung kann Maximilian Grinblatt seine Peiniger benennen. "Ein Bekannter, dem die Eltern Geld geliehen haben, damit er nach Deutschland gehen kann, ist in die Zelle gekommen und hat den Papa gefragt, welche Charge er hat. Was er gesagt hat, hat nie gestimmt, der Pils wollte immer mehr sein, bei jeder `falschen‘ Antwort hat er eine Ohrfeige bekommen. Er hat die Reihenfolge aufsagen müssen, bis er beim Herrgott angekommen ist."6 Während der Haft Grinblatts finden sich in Albrechtsberg die Gläubiger ein, eine günstige Gelegenheit, um die Schuldscheine zu erpressen. Einen Tag nach der Freilassung erscheint ein Mann von der "Kreisleitung" und teilt der Mutter mit, daß sie die Wirtschaft behalten könne, wenn sie sich von ihrem Mann scheiden lasse. "Daß wir verkaufen müssen, war klar, vor unsere Haustüre haben sie uns immer den `Stürmer‘ hingelegt. Der Vater hat den Hof `freiwillig‘ verkauft, wie es geheißen hat, um 10.000 Schilling oder so, die neuen Besitzer waren Aussiedler aus Döllersheim."7 Die Familie findet Unterschlupf in Marbach ad.kl. Krems, Maximilian Grinblatt taucht in Wien bei einer befreundeten Familie, die immer auf Sommerfrische nach Albrechtsberg gekommen ist, in der Brigittenau in der Hahngasse 33, unter. "Das war eine kleine dunkle Kammer mit einem Lichthoffenster." Jede Woche muß sich Herr Grinblatt auf der Wachstube melden, das Schicksal des Arbeitslagers in Ansfelden blieb ihm schließlich nicht erspart. "Dort haben sie so wenig zu essen bekommen, daß sie das Schweinefutter aus dem Trog gestohlen haben." Kurz vor Ende des Krieges wird Maximilian Grinblatt noch Soldat der Roten Armee und liegt in Stellung vor Hollenburg bei Krems. Nach dem Kriegsende fährt er mit einem Pferdewagen, den er von Russen geschenkt bekommt "im guten Glauben wieder nach Albrechtsberg, andere Russen haben ihm die Pferde aber bald wieder abgenommen." Auf der Kommandantur in Zwettel meldet er sein Recht auf seinen Besitz an. "Da sind dann viele gekommen und wollten eine Bestätigung vom Vater, daß er nichts dagegen hat, wenn sie wieder kommen, manche sind auch mit einem Schwein gekommen."8

VON IMBACH NACH PALÄSTINA UND RETOUR

Otto R. hat bis zu seiner Verhaftung in der Firma Stulz in Imbach gearbeitet. Nach Imbach verschlägt es ihn ebenfalls nach dem Ersten Weltkrieg. "Mein Mann hatte da Bekannte, mit denen er eingerückt war, so sind wir hergekommen, ich stamme ja aus der Nähe von Brünn."9 Seine spätere Frau Rosa, lernt er in der Munitionsfabrik in Wiener Neustadt kennen. Er kann sich nach seiner Freilassung aus dem Kreisgericht ein Visum besorgen, flieht über Jugoslawien illegal nach Rumänien und von dort mit einem Schiff durch den Bosporus Richtung Palästina. Dort lebt er bis 1947, zuerst ist er im Holzhandel tätig, dann arbeitet er in einer Wurstfabrik. Sein Sohn Otto R. (geb. 1921) kann als "Mischling" 1938 die Realschule nicht mehr weiterbesuchen, findet Arbeit bei der Errichtung des Kriegsgefangenlager in Gneixendorf und später als Chauffeur bei einem Bäcker und bei einem Eierhändler. Einberufen wird er zur "technischen Nothilfe": Einsatzort: das KZ in Ebensee, wo er mit KZ-lern sprengen muß. Nach einem Arbeitsunfall wird Otto R. nach Krems versetzt. Rosa R. meint über diese Zeit: "Noch heute vergieße ich Tränen über diese Zeit. Das war kein Leben."10

weg S 84:

Otto R. (sen.) als Facharbeiter in der Fabrik
von Walter Stulz in Imbach

weg S 85:

Hochzeitsfoto von Gabriele und Otto R. 1946
Für das gemeinsame Foto mußte das Bild von Otto R. (sen.),
der noch in Palästina lebte, hineinkopiert werden

ANMERKUNGEN

1 NÖLA BH Krems. XI/153/1941 Schreiben des Gendarmeriepostens von Weißenkirchen an den Landrat von Krems vom 23.8.1943
2 Maximilian Grinblatt wurde am 5.12.1893 in Skoleni in Rumänien geboren und war ein "getaufter Jude". Nach seiner Freilassung aus der Kriegsgefangenschaft heiratete er die Hilfsarbeiterin Josefa Holoubek.
3 Gabriela R. Interview
4 Mutter: Josefa Grinblatt (geb. 1898), Tochter: Gabriela Grinblatt (geb. 1923), Sohn: Max Grinblatt (geb. 1928)
5 Gabriela R. Interview. Auf Wunsch der Familie wird der Name abgekürzt.
6 Ebd.
7 Ebd.
8 Ebd.
9 Ebd.
10 Rosa R. Interview
11 Ebd.

‚Unsere schönsten Jahre hat man uns gestohlen‘ Walter Stulz, bekannt bis Kalkutta, geflüchtet nach Schanghai

Die Firma Stulz in Imbach war bis zum Jahr 1938 der einzige Betrieb, der Holzabsätze für Schuhe produzierte, beliefert wurden Firmen wie Bally und Humanic, Geschäftsverbindungen bestanden bis nach Kalkutta. In der ehemaligen Mühle, die Adolf Stulz gehörte, der nach dem Ersten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei gekommen war, "ein Bruder der Familie war Rabbiner in Wolin", arbeiteten rund 150 Arbeiter. Nach dem "Anschluß" 1938 wird auch die Stulz AG "arisiert", doch Adolf Stulz glaubt nicht an die Möglichkeit, den Betrieb zu verlieren. Das Geld, das die Firma in England investiert hatte, wird kurz vor dem 12. März 1938 nach Österreich transferiert. "Das Geld draußen lassen, das mache ich nicht, wer soll mir denn etwas tun, ich habe doch nichts gemacht"z, soll Adolf Stulz gemeint haben. Die Nationalsozialisten, die die Buchhaltung prüfen, sind begeistert: "`Herr Stulz, solche Geschäftsleute wie Sie würden wir mehrere brauchen.‘ Bei meinem Schwiegervater war alles so perfekt, da hat nichts unrecht sein dürfen." Der Dank dafür hieß für Adolf Stulz 1941 Deportation ohne Wiederkehr, denn für eine Flucht war kein Geld mehr vorhanden, nachdem 135.000.- Reichsmark Reichsfluchtsteuer bezahlt werden mußten. "Arisiert" wurde die Firma, nachdem es beim kommissarischen Leiter namens "Reisinger, oder so" drunter und drübergegangen sein soll. Walter Stulz, der als Betriebsleiter in der Firma tätig war, wird am 2. Juli verhaftet. Der Personenkraftwagen, ein Citroen 50 PS, Baujahr 1929, wird von der Bezirkshauptmannschaft (Dr. Franz) beschlagnahmt und in die Garage Brunner nach Krems gebracht. Ob es Zufall ist, daß diese Beschlagnahmung im Landbezirk Krems die einzige ist, die von der Bezirksauptmannschaft vorgenommen wurde, sei dahingestellt, bei den übrigen Fällen traten als Akteure die SA, SS, Gendarmeriepostenkommanden oder die Gestapo Wien/Berlin auf. Den Ausschlag dafür gab das Postfräulein von Rehberg, das Briefe geöffnet hatte, um sie den entsprechenden Stellen weiterzuleiten. "Mein Mann hat mir halt Vorschläge gemacht, was wir machen könnten." Aus der Wohnung in St.Pölten holen vier SS-ler in einem Jeep auch seine Frau. "Ich mußte zu einer Einvernahme ins Kreisgericht. Wie ich dort hinkomme, steht mein Mann im Gang, so wie er halt zu Hause war, in kurzer Hose. Ich sage: `Um Gottes willen‘. Er hat mich überhaupt nicht reden lassen. Ich bin eineinhalb Stunden verhört worden. Der Grund: Rassenschande. Als ich nach Hause kam, wußte ich nicht, was ich tun soll, auf dem Herd ist noch der Kalbsbraten gestanden, ich wußte nicht, ob ich den Gashahn aufdrehen soll."3 Die mitfühlenden Seelen fanden sich ungefragt ein und meinten: "Recht geschieht ihr, hätt‘ sie keinen Juden geheiratet." Einige Wochen vergehen, ohne daß Frieda Stulz Nachricht von ihrem Mann bekommt. Auf einer Postkarte, die seine Handschrift trägt, teilt er ihr schließlich mit, daß sie die Wohnung auflösen und nach Wien gehen solle. Walter Stulz wird nach dem Novemberpogrom 1938 aus Buchenwald unter der Bedingung freigelassen, die Ostmark innerhalb kürzester Zeit zu verlassen. Kurz vor der Ausreise sieht er seine Frau zum letzten Mal. "Wir haben uns nur mehr verschlüsselt telephonisch gesprochen. Gesehen haben wir uns nur einmal, da ist er von Hietzing mit dem 58er hereingefahren und ich bin auf der Mariahilfer Straße gestanden. Das war das letzte Mal, das ich ihn gesehen habe."

FLUCHT RICHTUNG CHINA

Am 22.12.1938 reist Walter Stulz Richtung China aus. In seinem zweiten Leben in Schanghai ist er am Beginn Heißwasserverkäufer, zündet bei reichen Leuten Öfen an und bekommt schließlich Arbeit in einer Schiffswerft. Da die Deutschen und die Italiener in Schanghai Positionen innehaben, muß Walter Stulz auf dem Schiff Conte Verdi, auf dem er arbeitet, die Hakenkreuzfahne grüßen. "Als die Deutschen gekommen sind, hat mein Mann gedacht, das ist das Ende seiner Stellung. Doch der Kapitän hat ihn rufen lassen und hat ihm gesagt: `Ich weiß alles über Sie, aber wir leben hier nicht in Deutschland, wir leben in China, Weiße unter Weißen. Nur eines muß ich ihnen sagen, wenn sie auf das Schiff kommen, dann müssen Sie den Faschistengruß machen und die Flagge grüßen.‘ Wenn ich

weg S 87:

Walter Stulz in China
Schnappschuß für das Fotoalbum

muß, dann muß ich halt." Täglich schreibt Walter Stulz eine Karte nach Wien, doch nur eine erreicht 1941 die Adressatin via Sibirien. Den ersten Kontakt nach dem Krieg kann Frieda Stulz via Diplomatenpost nach Shanghai herstellen. Im Jahr 1947 trifft Walter Stulz wieder in Wien ein. "Die schönsten Jahre hat man uns gestohlen. Es war eine fürchterliche Zeit. Das kann einem niemand ersetzen." Nach 1945 wurde dieses Leid sehr wohl bürokratisch bemessen: "Mein Mann wurde vorgeladen für die Ausstellung des Opferausweises und da hat es Abstufungen gegeben. Der Beamte dort hat gemeint: ‚Naja Herr Stulz, die Dauer von 120 Tagen, die Sie in Buchenwald waren, das ist zu wenig.’"

ANMERKUNGEN

1 Frieda Stulz. Interview
2 Ebd.
3 Ebd.
4 NÖLA BH Krems 1938/Präs/122. Bericht an das Präsidium der Landeshauptmannschaft Niederdonau vom 1.8.1938
5 Ebd. Gendarmeriepostenkommando Rehberg. Verzeichnis über beschlagnahmte Vermögensgegenstände bei Juden und staatsfeindlichen Personen
6 Frieda Stulz. Interview

‚Als ob es gestern gewesen wäre.‘ Brief von Paul Pisker aus Palästina an seinen Schulfreund Karl Slatner in Krems

13.1.1947
Lieber Karl!
Vielen Dank für Deinen lieben Brief, den ich mit großer Sehnsucht schon lange erwartet hatte, aber auch mit einer gewissen Sicherheit, denn eine innere Stimme sagte mir, wenn es auf dieser Welt noch ein Fünkelchen Gerechtigkeit gibt, und daran glauben wir doch alle noch, so darf Dir lieber Karl und Deiner Familie nichts passiert sein. Und Gott sei Dank hat sich das auch bewahrheitet und so seid Ihr zu meiner und meiner ganzen Familie Freude, heil aus dem Weltchaos herausgekommen. Wir haben all die ganzen Jahre

weg S 103:

Paul Pisker nach der Gründung Israels
als Polizist in Akko (2. Reihe, 1. v.l.)

weg S 104:

Der Radiohändler Karl Slatner, 1946

hindurch so oft von Euch allen gesprochen, hoffentlich habt Ihr nicht jedes Mal Schnackerlstoßen gehabt. Vor allem muß ich von meinen Eltern und Trude die allerbesten Grüße an Euch alle ausrichten… Sehr betrübt habe ich das tragische Schicksal, das über viele von unseren ehemaligen Kollegen gebrochen ist, zur Kenntnis genommen… Waltet doch über uns allen ein gar zu mächtiges Geschick, dessen Fügungen wir hilflos ausgesetzt sind. Wir wollen weder an Vergangenem tadeln und kritisieren, wobei wir weder Tote lebendig machen können noch begangenes Unrecht sühnen, sondern mutig in die Zukunft schauen, auf daß Gerechtigkeit und Menschlichkeit wieder über uns Erdenwürmern regieren. Wenn ich so Deinen Brief lese, und das habe ich dutzendemale getan, Du schreibst mir über Ärzte, verheiratete Männer mit Kindern, Witwen usw. und ich habe sie alle noch in Erinnerung, wie sie mit mir die Schulbank gedrückt haben, das ist ein Zeichen Karl, wie alt wir werden. Ich bin noch Junggeselle und habe auch für die nächste Zeit keine ehrbaren Absichten (…) Über Deine siebenjährige Geschichte habe ich nur eine Beschwerde, daß sie zu kurz gehalten ist, speziell was Dich anbelangt, darüber schweigst Du Dich ganz aus, doch nicht aus übergroßer Bescheidenheit. Darfst eines nicht vergessen, wenn wir auch fast sieben Jahre ohne jeglichen Kontakt gewesen sind, so sind es doch so viele Dinge, die wir gemein haben, eine gemeinsame Jugend, vom Kindergarten, Schule, bis zu einer Zeit, wo wir bereits beide eine gewiße Reife erreicht haben, wo die eigentliche harte Schule des Lebens begonnen hatte. Obwohl uns tausend Kilometer trennen, so ist es mir, als ob es gestern gewesen wäre, Dein Haus, Einfahrt mit dem Opel, Dein Zimmer, die gütigen Reden Lily’s, die Weisen des Korvinus Mathias, der Schrebergarten, wo wir unsere ersten Kugeln geschossen, unsere ersten Zigaretten und Pfeifen geraucht, wo sich unsere ersten Lieben abspielten. (…) Welten sind entstanden und versunken, aber die es überlebt haben, sind Menschen mit all Ihren Schwächen geblieben. Den Ort und die Zeit, wo man geboren wurde und seine Kindheit verbrachte, lohnt sich nicht aus dem menschlichen Gedächtnis zu streichen, darum bitte ich Dich, mir viel über Krems zu berichten. (…) Von unserem Zurückkommen kann vorläufig überhaupt keine Rede sein, vielleicht werde ich einmal einen Besuch machen. (…)
Das Allerbeste von Deinem alten Freund Paul

Die Juden des Landbezirks Krems

Das Schicksal der Juden im Landbezirk Krems ist durch einen dünnen Akt der Bezirkshauptmannschaft Krems in Ansätzen dokumentiert.‘ Es handelt sich dabei um „Belehrungen“ über Gesetze und Maßnahmen gegen Juden oder Verstöße gegen diese Gesetze. Am 2. Juli 1938 wird der Fabrikant Walter Stulz verhaftet, am 28. Juli sein Personenkraftwagen durch die Bezirkshauptmannschaft Krems beschlagnahmt. Der „Jude Bern-hard Barber hatte vor Jahren vom Hauer Ferdinand Huber an der Donau in Rossatzbach ein Stück Grund im Ausmaß von 48m2 um den Liebhaberpreis von 200 Schilling käuflich erworben“ erinnert sich ein Friedrich Zauner am 20. September in einem Schreiben an die Bezirkshauptmannschaft Krems, gleichzeitig wird auch auf ein viel größeres Grundstück hingewiesen, das sich offenbar auch in jüdischem Besitz befand. Das Gut der Julio Metal Edelobstkultur A.G. in Unterbergem umfaßte 307 ha und wird mit einem Nettowert von 62.670 Reichsmark angegeben? Kurz nach dem „Anschluß“ wurde auch Aloisia Kerpen, die auf dem Kirchenplatz in Grafenwörth ein kleines Geschäft betrieb, verhaftet. Ihre Söhne Alfred und Georg waren bereits 1937 in die USA ausgewandert. Nach ihrer Freilassung aus der Haft bot eine befreundete Frau in Haitzendorf der Verfolgten Unterschlupf, bis sie endgültig ‚“verschwand“, abgeholt wurde.3 Im August 1938 wurde dem jüdischen Kaufmann Leopold Kohut das Haus auf dem Josef-Leopoldplatz Nr.1, dessen Wert mit 6000 Reichsmark angegeben wurde, geraubt. Im Verzeichnis über beschlagnahmtes staatsfeindliches Vermögen heißt es: „wird gegenwärtig von der NSDAP u. angegliederten Formationen als Diensträume verwendet.“4 Beim Mitbesitzer des Gutes „Anisdorf‘, dem „Juden Franz Welward“, der im August bereits nach Mährisch Ostrau in die Tschechoslowakei geflüchtet war, wurden ein Puch Motorrad 250 ccm und zwei Jagdgewehrstutzen beschlagnahmt. Für das Motorrad fand die NSDAP Ortsgruppe Rossatz Verwendung, die Gewehre lagerte die Dienststelle der NSDAP in Mitterarnsdorf.5 Am 20.2.1939 stellt Rudolf Heller (Furth 80), „jüdischer Rassenzugehörigkeit, katholischer Konfession“ das Ansuchen „um Bewilligung zur Ausreise aus Deutschland“, da er als „Jude hier nicht seinen Lebensunterhalt verdienen kann“. Am 29.3.1939 wird notiert, daß „gegen die Ausstellung eines Reisepasses an Julie Neumann, Dümstein 2 keine Bedenken vorliegen.“6 Am 11. September 1939 nach dem Mittagessen, erhält der Landrat von Krems einen Anruf seines Kollegen aus Tulln, der ihm mitteilt, daß laut einem Runderlaß vom 11. September, 11 Uhr 30, „Juden, die nach 20 Uhr auf der Straße und auf öffentlichen Plätzen getroffen werden (…) im Wiederholungsfall in polizeiliche Gewahrsam“ zu nehmen sind. Über die Wirkung dieser Bestimmung auf die Bevölkerung dürften sich die Verantwortlichen nicht im klaren gewesen sein: „Vorstehende streng vertrauliche Weisung des Gauleiters darf absolut nicht öffentlich oder schriftlich verlautbart werden.“ 7 So lebte in Angern Nr. 17 bis zum 23. September 1939 Berta Koppensteiner, die in den Akten als „Volljüdin“ vermerkt ist und demnach auch den Zusatznamen „Sara“ tragen mußte, ohne sich eine Kennkarte gelöst zu haben. Der Landrat forderte den Gendarmerieposten auf, „die Koppensteiner zum Vorzeigen einer Kennkarte zu verhalten.“8 Dies geschah noch am selben Tage und Berta Koppensteiner, die mit einem „Arier“ verheiratet war, wurde vom Gendarmeriebeamten Franz Arndorfer ins Landgerichtsgefängnis gebracht. Mit der Hand ist dem Akt noch hinzugefügt: „Aufbehalten bis zum Einlangen des Kennkartenantrages. 2.10.1939.“ Am 30. September dürfte Berta Koppensteiner jedoch bereits wieder freigelassen worden sein, da zu diesem Zeitpunkt ihr Rundfunkgerät beschlagnahmt werden sollte und der Posten feststellte, daß die Eheleute Koppensteiner „unter einigen Tagen nach Rabenburg bei Lundenburg“ übersiedeln wollten und erst danach das Gerät abgeliefert werde. weiterlesen

Nachgeborene, unschuldige Täter und verdrängte Spuren Auf den Spuren der Kremser Juden in Wien

Ich beginne meinen Lokalaugenschein im zweiten Wiener Gemeindebezirk in der Lilien-brunngasse 13, gleich hinter dem Dianabad. Es sind geographisch-organisatorische Gründe, die meine Route bestimmen, große Wegstrecken habe ich nicht zurückzulegen, den Kremser Juden wurde als Aufenthaltsort in Wien die Leopoldstadt zugewiesen. Das Ghetto von Wien. Ich habe die Adressen von rund 27 jüdischen Familien erhoben. Für diesen Lokalaugenschein gibt es keinen Jahrestag, deportiert wurden die Familien am 26. Jänner 1942, am 12. März 1941, am 23. Oktober 1941 und … Würde es etwas ändern, die Häuser genau an diesem Tag aufzusuchen, vielleicht war der Himmel ähnlich verschmiert, die Luft zu rauh oder zu mild für diese Jahreszeit. Ein Kalender für diesen Lokalaugenschein, einige Termine hätte ich schon verpaßt, auf andere müßte ich zu lange warten. Die Lilienbrunngasse ist der Beginn. Das Haus Nummer 11 wurde im Krieg zerstört, wie die Tafel am Hauseingang vermeldet. Die Bomben sollten nicht gleich am Beginn dieser Gedenkwanderung ganze Arbeit geleistet haben. Im Nebenhaus ist das Christian College, das sich um Flüchtlinge annimmt, untergebracht. Ich stehe vor dem Haus, zwei Straßenkehrer arbeiten sich zwischen den Autos in meine Richtung vor, im Hauseingang gegenüber steht eine Gruppe Juden, kommen Sie aus der Sowjetunion, oder aus dem Iran?

KEINE ZEIT FÜR FRAGEN

Zweiter Stock. Ich läute. So muß sich ein Zettelverteiler fühlen. "Guten Tag, ich bin Historiker und schreibe über Juden, die 1939 in diesen Bezirk übersiedeln mußten", eine Erklärung durch die geschlossene Tür, nicht einmal ein Guckloch wird geöffnet. "Ich habe keine Zeit für Fragen." Das schlapfende Geräusch muß mir Indikator dafür sein, daß meine Suche an dieser Tür als beendet zu erklären ist. In der Nebenwohnung öffnet sich das Gangfenster. Eine Unterhaltung durch die Gitterstäbe. "Guten Tag, wohnen Sie schon lange hier. Ich frage deswegen, weil ich…" Das "Ja" ist für mich ein Hoffnungsschimmer. Ja, Juden hätten hier gelebt, Kontakt hätte Sie schon gehabt, an David und Erna Bass kann Sie sich nicht erinnern, meint Frau A.H., die trotz ihrer frisch gewaschenen Haare zu einem kurzen Gespräch bereit ist. "Wäre ja auch Zufall gewesen." Der Zufall will es, daß die Frau, wie Herr und Frau Bass im Dezember 1938 in das Haus eingezogen ist. Wenn die Familien abtransportiert wurden, "wurde die ganze Gasse abgesperrt, alle Wohnungen wurden systematisch durchsucht. Wir haben uns nicht viel rühren dürfen, denn wissen sie, ich bin ein ‚Mischling‘." Die zugeknöpfte Nachbarin hat gute Gründe für ihr Verhalten, meint Frau M.H.: "Eine Parteigenossin, sie wissen schon." Wieder auf der Gasse, die Straßenkehrer haben den Platz, wo auch am 19. Februar 1941 die Straße abgesperrt worden sein dürfte, als David und Erna Bass geholt wurden, hinter sich gelassen und widmen sich gerade einem Hundstrümmerl. Mit einem Hundebesitzer kommen die beiden Männer in ihren orangefarbenen Uniformen ins Gespräch. "Lauter Juden da, naja, früher waren das Einheimische, aber jetzt sind’s alle Ausländer." Jude und Ausländer, ein doppeltes Stigma. Oder sind Juden nicht ohnehin Ausländer für viele Österreicher? Hinterlistig sind sie auf jeden Fall für den Mann mit dem Pintscher, der sein Hemd offen trägt und das Goldkreuz offenbar als Wertanlage auf der behaarten Brust verstanden wissen will, denn letztens hat doch so ein Judenbub dem Hund einen Tritt gegeben. "Was sagen’s da dazu." Einige Gassen weiter, die Sperlgasse mit dem obligaten Polizisten lasse ich hinter mir. Die Haidgasse 10, ein mächtiges Haus, ein imposanter runder Erker. Im Erdgeschoß wird gerade ein Geschäft renoviert. Der Mann, der das Portal streicht, weiß von nichts, er ist selbst nur ein Lakai. Ein rüstiger Pensionist, graumeliert, vertrauenswürdig, bleibt stehen, schnappt einige Fetzen des Gespräches auf und versichert, er sei auch erst lange nach 45 hierher gekommen, leider könne er nichts sagen. Nach fünf Minuten treffen wir uns im Hausflur wieder. Die Hürde der Gegensprechanlage ist für diesmal gemeistert worden.

"Wo sollen denn die neun Kinder mit dem Vater gelebt haben.", fragt mich der graumelierte Herr. Auf meiner Liste steht Emil, Siegfried, Erna, Irma, Otto, Erwin, Inge, Johanna, Albert und Bella Blau: Haidgasse 10, Tür Nummer 4. "Eine Nummer vier gibt es in dem Haus gar nicht." Zwei Pensionistinnen kommen vorbei. Ich habe einen Fürsprecher gefunden. "Der Herr ist ein Doktor und schreibt über Juden, stellen Sie sich vor, auf Tür Nummer vier soll ein Vater mit zehn Kindern gelebt haben. Aber Sie sind ja auch erst 45 eingezogen." "Na, Tür Nummer vier, das ist ja das Knöpferlgeschäft, aber da können doch nicht soviele Leute gewohnt haben, die haben ja nicht einmal Wasser g’habt", meint eine der Damen. Die drei Herrschaften gehen die Treppen hinauf und diskutieren weiter "Zeiten waren das". Das Fotografieren des Hausflures dauert länger, als von oben eine andere Frau herunterkommt, ist sie bereits informiert: "Gehört das auch für ihre Arbeit?" Ich betrete das "Knöpferlgeschäft" durch den Gasseneingang. Ein Mann kauft einen Zippverschluß, weiß aber nicht wie lange er sein muß, damit er auch in den Polster für den Kinderwagen paßt. Ich warte. Der Dackel hinter der Holzverschalung bellt unaufhörlich. Meine Erklärungen werden dennoch verstanden. "In diesem Raum sollen in der Zeit zwischen August 1940 und März 1941 zehn Personen gewohnt haben. Darf ich hier fotografieren?" Das Zögern dauert lange. Wer hat die besseren Nerven. "Aber was hat das mit mir zu tun. Das will ich nicht." Ich habe die besseren Nerven, zwei Fotos werden mir gestattet. Selbst die Nachgeborenen haben ein schlechtes Gewissen. Die letzte Reise der Familie Emil Blau endete in Lagow-Opatow in Polen.

WOHNRAUMBESCHAFFUNG

In der Haidgasse 7 wird die Geschichte lebendig, im dritten Stock öffnet eine Frau, die laut Aussagen ihrer Nachbarn bereits seit den vierziger Jahren im Haus wohnt. "Als wir eingezogen sind, da waren keine Juden mehr im Haus, da waren die Wohnungen schon leer. Wir haben die Zuweisung für die Wohnung im Herbst 1941 gekriegt, wissen’s mein Mann war bei der Finanz, im Oktober ist unsere Tochter da schon auf die Welt gekommen." Philipp und Anna Schafranek müßten nach den Angaben der Meldekartei noch einige Monate mit den neuen Mietern im Haus gewohnt haben, bevor sie sich im Mai 1942 nach "Minsk abmeldeten". "Nein, Juden waren keine mehr im Haus." Tatsache oder Verdrängung, in die Wohnung der Schafraneks ist ja dann auch ein Finanzbeamter eingezogen, der ist aber schon lang wieder weg. Die "Rassenpolitik" des "Dritten Reiches" schaffte Wohnraum, sicher kein angenehmes Gefühl. Nach dem dritten Haus ist der Blick bereits geschult, die Gestaltung der Namensschilder und das Arrangement aus Blumen, Fußmatte, Schuhen und/oder Gerümpel vor der Haustür läßt mit Sicherheit auf mögliche Zeitzeugen – zumindest was ihr Alter betrifft – schließen, wenn sie zu Hause sind. In der Großen Mohrengasse 20, dem Haus mit Schneiderei, Putzerei, einem Geschäft mit Damenkonfektion und verschiedenen Höfen hätte im letzten Stock, im Hof, gleich neben dem Haupteingang, das Arrangement gepaßt: die Türe schält sich aus dem Ölanstrich, das Namensschild in Fraktur, der Namenszug mit einem geschliffenen Glas geschützt. Kurz nach dem Läuten öffnet ein älterer Mann, aufgestört von seiner Eierspeise. Mit meinen Erklärungen komme ich nur bis zum Wort "Juden". Die abschätzige Handbewegung ist so heftig, daß ich mich fast ducke. Die Mühe bei der alten Frau im Erdgeschoß ist vergeblich, zwischen den Zeitungsstößen und den verschiedenen Stoffetzen hebt sich ihre kleine Gestalt im Gegenlicht der Tür nur bei näherem Hinsehen ab, wie bei manchen Fixierbildern erst eine längere Betrachtung die Frauengestalt oder den Blumenstrauß freigibt. Als hätte sie hier zwischen diesem Gerümpel überlebt, vergessen. Sie beteuert immer wieder nichts kaufen zu wollen. Alle Versuche bleiben vergeblich. Keine Auskunft über die beiden alten Damen Pauline Glaser und Henriette Jilka, die in Mautem ein kleines Stoffgeschäft betrieben haben. Es ist sicher kein Zufall, daß sie in diesem Haus für etwas mehr als ein Jahr Zuflucht gefunden haben, vielleicht eine Geschäftsbeziehung, am 23. Oktober wurden beide abgeholt: Endstation Litzmannstadt. Vor dem Ausgang die Begegnung mit einer Frau, die gerade von ihrem Vormittagseinkauf nach Hause kommt. Die letzte Gewißheit: die einzige Jüdin, die in diesem Haus noch gewohnt hat, ist vor zwei Monaten gestorben, tut mir leid. Leopold Schlesinger ist aus der Wohnung in der Zirkusgasse 21, einem Jugendstilhaus, in dem auch 1990 die Orginallampen noch nicht abmontiert sind, verschwunden; im November 1939 eingezogen, dann versagt die Bürokratie: vielleicht ist ihm die Ausreise geglückt. Als die Frau, die keine Zeit hat, "weil Sie den Mann im Spital besuchen muß" 1941 hier einzog, hat es "keine Juden im Haus mehr gegeben." Sie ist die letzte aus dieser Generation, unschuldige Täter, indirekte Profiteure der Judenvernichtung.

WAS INTERESSIEREN MICH DIE JUDEN

Joel Hirsch, der Pferdehändler aus Krems, gegen den 1938 eine Kampagne in den Lokalzeitungen von Krems geführt wurde, die selbst den "Stürmer" zu einem Bericht über den "Frauenschänder" anregte, hat mehr als drei Jahre in der Zirkusgasse 25 überlebt, bevor ihn die Nazis 1942 nach Theresienstadt deportierten. Zirkusgasse 1990. Lange Vorrede, die von einer grellgeschminkten Dame in der durch eine Kette gesicherten Tür geduldig ertragen wird, als ob sich ein Boiler aufladen würde: "Was gehn mich die Juden an, mich interessiert das ja alles nicht, Sie sind gut, das ist ja eine Zumutung. Mir ist das doch gleich, ob einer Jud‘ oder Christ oder Mohammedaner ist." Ich will das Gespräch nicht abreißen lassen: "Ja Ihnen mag es gleich sein ob Jude oder nicht, aber damals war das eine Überlebensfrage." Der Überdruck wird abgelassen: "Mir ist der Glaube wurscht, wann’s damals anders war, kann ich nur sagen: Pech gehabt, daß er ein Jud‘ war."