B wie Bass

Bass (=Marlov)

David:
1889 19. Feber: geboren in Bruck/Leitha, zuständig: Nyitra/Ungarn ledig
1919 Schauspieler; Künstlername: Georg Marlov
1920 Kaufmann, Gartenaug. 1, verheiratet
Gattin: Erna geb. Kolb, 20 Jahre, Tochter d. Samuel K.
1930 erbt Erna Baß von ihrem Vater die Hälfte des Hauses Untere Landstr. 35 und das darin befindliche Schuhgeschäft.
1937 Ausgleich über das Vermögen der Erna Bass – Verkauf der Liegenschaft.
Laut Augenzeugenbericht ist die Familie ausgewandert.
1971 soll im Ausland leben.

Hermann:
Verwandtschaftsverhältnis zu obigen ungeklärt.
Geburtsdatum und -ort unbekannt.
1925 2. Mai gestorben – „für den Verstorbenen wird am Sterbetag (in der Synagoge) angezündet“.

Adele:
Verwandtschaftsverhältnis zu obigen ungeklärt.
1917 28. Mai: gestorben – „für die Verstorbene wird am Sterbetag (in der Synagoge) angezündet“.

Benesch

David:
1838-1921, IFK
1839 3. Juni: Krchoma Lomma/Böhmen; detto zuständig
1908 Hausierer – Krems, Gartengasse 7, vorher: Austr. 17
Gattin: Katharina 1855-1932 IFK
Kind: Amalia geb. ca. 1890
1919 Gemeindeverbandsaufnahme
1921 David gestorben, IFK
1931 Katharina: Frauenberggasse 3
1932 Katharina gestorben, IFK

Bieler

Aron Leo:
Kaufmann, Chemiker
1890 geboren in Tarnopol; zuständig: Wien
1928 Stein Nr. 126
1929 Krems, Untere Landstraße 47
Gattin: Adolfine geb. 1890
Kinder: Kurt geb. 1917 in Wien
Norbert geb. 1918 in Wien; 1928-1930 Gymnasium
1932 2. Jänner Wien 20, Klosterneuburgerstr, von Krems, Burggasse 3

Berta:
Erwähnung in der Synagoge
„für den Verstorbenen wird am Sterbetag angzündet“, jedoch kein Sterbedatum.

Billitz

Moritz:
ca. 1866-1905; IFK
1866 ca. geboren, Geburtsort unbekannt
1903 Wäscherei und Putzerei, Ringstraße 22
Gattin: Marie
Betrieb übersiedelt Ende 1903 nach Gartenaug. 7
1905 20 .Oktober im 40. Lebensjahr gestorben, IFK

Marie:
Ehefrau des Moritz B.
Geburtsort und -datum unbekannt
1903 Wäscherei und Putzerei, Ringstraße 22, dann Gartenaug. 7
1909 Berufsbezeichnung: Pfaidlerin; Geschäft: Obere Landstr. 17
Wohnung: Sparkassag. 2
1910 7. Juni: Kauf der Liegenschaft Unt. Landstr. 26 von Therese Kohn
1920 Gemeindeverbandsaufnahme
1927 Verkauf obiger Liegenschaft an Karl und Norbert Sachs und Stefanie Nemschitz
1927-1938 weiterhin Untere Landstr. 26
1938/39 angeblich gestorben

Brüll

Paul Dr.:
1894 1. Dezember in Zawoja/Schlesien geboren
1924 Rechtsanwaltsanwärter in Krems
Mühlbachgasse 3 von Wien
1926 Stein 265
1930 Gattin: Sabine
1938 Kinder: Renate, Susanne
1932 Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde
1934 Kauf der Liegenschaft Schillerstr. 10 von David Rachmuth
1938 Beschlagnahme der Liegenschaft; als Beispiel für eine der mögliche Arten der Enteignung jüdischen Eigentums wird dieser Grundbuchsauszug im Anhang zu vergleichen sein (III/10B/Beilage 1)
1938 September: Übersiedlung ins Ausland; angeblich nach Holland und dann per Schiff nach Amerika, knapp vor Ausbruch des 2. Weltkrieges

Salomon:
Verwandtschaft nicht zu klären; Annahme: Vater des Paul B.
Geburtsort und -datum unbekannt
1916 18. September gestorben, nicht IFK.
„für den Verstorbenen wird am Sterbetag angezündet“

A wie Adler

Adler

Esther:
1813 ca. geboren, Geburtsort unbekannt
1877 22. Oktober: in Krems, Vorstadt Nr. 14 gestorben – In einem Zeitungsartikel wird hervorgehoben, dass sie ob ihrer Wohltätigkeit bekannt war. Ihr Sarg wurde am Weg vom Trauerhaus zum Bahnhof (sie wurde am israelitischen Friedhof in Wien beerdigt), „von einem zahlreichen distingierten Publikum ohne Unterschied der Konfession begleitet.“

Otto:
1884 16. März geboren, Geburtsort unbekannt, zuständig: Horn
1909 in Krems ansässig geworden, Antiquitätenhändler, gründet Möbelerzeugung
1938 7. Juni: kommissarischer Verwalter Felix Wolf
1938 11. August: Abmeldung nach Wien
1971 England
Kein Verwandtschaftsverhältnis zu Esther A. nachzuweisen.

Anna:
Ehefrau des Otto A.
1886 ca. geboren, geborene Pick
1938 1. Klasse Realschule
verehelichte Skrow

Richard (Salomon), Dr.:
1877 18. Jänner: in Wien geboren, Geburtszeugnis der israelitischen Kultusgemeinde Wien
Eltern: Leopold Adler, Privat, aus Moskovitz in Böhmen
Sophie, geborene Landesmann
1908 Advokaturskonzipient in Krems, Obere Landstr. 30
1911 13. November: Übertritt zum katholischen Glauben. – „Er wurde vom Herrn Kooperator Johann Riedl in Gegenwart des hochwürdigen Herrn Stadtpfarrers Josef Winkelhofer in Krems nach röm. kath. Ritus mit Erlaubnis des hochwürdigsten bischöflichen Ordinarates St. Pölten (24.7.1911, Z. 5799) nach vorausgegangener Anmeldung seines Austrittes aus der israelitischen Glaubensgenossenschaft – k. k. BH Krems, dto 9.11.1911, Z. 2065 – getauft und ihm hierbei der Name Richard Johann beigelegt.
Krems, am 13. November 1911, Johann Riedl, Kooperator.
Anmerkung: Dr. Richard Adler hat seine am 6. Juli 1919 mit Martha Kerndl vor dem evangelischen Pfarramte in Krems geschlossene Ehe am 23. Dezember 1937 beim Probsteipfarramte Wien Votivkirche nach kanonischem Rechte geschlossen.
Pfarramt Votivkirche Wien 9, 28.12.1937, Z. 1032“

Aufwerber

Simon:
1837 zum ersten mal in Krems nachweisbar – „über Marktzeit“
1851 Gründungsmitglied des Betvereins
1860 Gemeindeverbandsaufnahme, zuständig: Szenitz, Bezirk Sirnau, Ungarn
1863/64 Krems Nr. 70 (Hafnerplatz 7)
Gattin: unbekannt
Kinder: Josef geb. ca. 1849, 1.-6. Klasse Gymnasium
Max geb. 24.9.1841
Bernhard
Katharina
1865/66 Krems Nr. 47 – letzte Erwähnung.
Die Familie wird in Krems durch Max A. weitergeführt.

Max:
Sohn des Simon A., 1841-1923, IFK
1841 24. September geboren, Geburtsort unbekannt
1872 (vor) Gattin: Theresia, geb. Singer, 1847-1907, IFK
Kinder: Fritz geb. 1872 Krems, Gymnasium, LBA
Alfred geb. 1882 in Loiben, Gymnasium, gest. 1896, IFK
Karl geb. 1878 Dürnstein, Maler
Malvine 1880-1933, IFK
Richard geb. 1886 in Krems
1891 Beirat der israelitischen Kultusgemeinde
1893 26. Jänner: Gewerbeanmeldung: Preßheferverschleiß, Schlüsselamtsgasse 4 und Geflügelhandel, Dachsberggasse 11 (abgemeldet 1908)
1905-1910 Tempelvorstand der Kultusgemeinde
1907 laut Meldeschein nach Krems zuständig
1923 gestorben in Krems, IFK
Die Familie wird in Krems durch Malvine A. weitergeführt.

Malvine:
1880-1933, IFK; Tochter des Max und der Theresia A.
1880 geboren
Preßhefehandel, Schlüsselamtsgasse 4
unverheiratet
2. Feber in Krems gestorben
Mit dem Tod der Malvine A. stirbt die Familie in Krems aus.

Auspitz

Jakob:
1833 Handelsjud aus Nikolsburg
1845 Aufenthalte in Krems „über 24 Std.“ nachweisbar.

Aron:
1838 einmal „über 24 Std.“ in Krems nachweisbar.

Leopold:
ca. 1819-1885, IFK
1819 ca. geboren, Geburtsort unbekannt, zuständig: Bohrlitz/Mähren
1845 „mit Weib und Kind“ in Krems „über 24 Stunden“.
1848 nach: Geschäftsgründung: handelt mit Kohlen, Landesprodukten, Viehfutter; Fuhrwerksbesitzer
1851 Gründungsmitglied des Betvereines
1860 19. Juni: Kauf der Liegenschaft Wienerstr. bzw. Winzergasse (ohne Nummer)- C-Nr. 66 Hohenstein – Wohnhaus samt Hof
1860 Fraktionsführer bei der Gründung der Religionsgenossenschaft.
1863/67 Eselstein Nr. 11
Gattin: Charlotte geb. Winkler, 1817-1886, IFK
Kinder: Simon geb. ca. 1850
Moriz geb. ca. 1843, gest. 1907 Ödenburg
Zäzilia 1847-1885, verehelichte Friedmann
Ros(in)a geb. ca. 1845, gest. 13.11.1896, verehelichte Kolb Jakob
1866/70 Mautpächter in Eselstein
1875 Kauf Körnermarkt 7
1871-1877 Vorstandsvertreter der Kultusgemeinde.
1885 10. Mai: gestorben.

Diese Familie wird durch Moriz II in Krems weitergeführt.

Auspitz

Moritz II:
ca. 1843-1907 (Ödenburg); IFK.
Sohn des Leopold und der Charlotte A.
1843 ca. geboren, Geburtsort unbekannt.
Gattin: Leopoldine geb. Weiß aus Eisenstadt, 1844-1894, IFK
Kinder: Otto geb. 5.5.1873 in Krems
Elisabeth, verehelichte Heß
1884/85 Kantineur in Tulln
1886 Mautpächter
Produkten- und Kohlenhändler in Krems, Körnermarkt 7
1887 8. Jänner: Kauf Körnermarkt 7 von Kolb Jakob und Rosa geb. Auspitz
1893 Gewerberücklegung; Übergang auf Sohn Otto
1888-1891 Magazin im Dominikanerhof (Pacht)
1895/99 Geschworener
1907 gestorben in Ödenburg, begraben in Krems; IFK.

Diese Linie wird in Krems von Otto weitergeführt.

Auspitz

Otto:
Sohn des Moritz II und der Leopoldine A.
1873 5. Mai: in Krems geboren; zuständig: Borlitz/Mähren
Gattin: Pauline geb. 1881
Kinder: Elfriede geb. 1909, verehelichte Kellermann
Max geb. 1905 Krems
1884-1886 Gymnasium
1893 Geschäftsübernahme
1908 30. April: Erbe Körnermarkt 7, gemeinsam mit Schwester Elisabeth, verehelichte Heß
1911/12 Vorstand-Stellvertreter der Kultusgemeinde
1913-1918 Vorstand der Kultusgemeinde
1915 Aufnahme in den Gemeindeverband
1925-1931 Vorstand der Kultusgemeinde
1938 schwer mißhandelt
1938 21. September: kommissarischer Verwalter Felix Wolf
1938 8. November: Kaufvertrag mit Theodor Angerer—Körnermarkt
1939 September/Oktober: Abmeldung nach Wien mit Familie
1971 soll im Ausland leben.
Die 1947 im Grundbuch eingetragene Rückstellungsanmerkung gegenüber Theodor Angerer wird 1950 gelöscht.

Max:
Sohn des Otto und der Pauline A.
1905 26. August: in Krems geboren
1916 1. Kl. Realschule; Matura.
1932 9. November: Teilhaber der Fa. Max Löwy und Co., offene Handelsgesellschaft: Landesprodukte, Futtermittel.
1933 30. Dezember: Alleininhaber der Firma
1938 12. Oktober: Gewerbelöschung
1938 September/Oktober: Abmeldung nach Wien.

Magdalena:
Verwandtschaftsverhältnis nicht geklärt.
1861 Gemeindeverbandsaufnahme, zuständig: Wradisch/Hollitsch/Ung.
1867 Magdalena, Theresia, Jakob, Karoline und Zäzilia

Nach den Gepflogenheiten der damaligen Zeit ist anzunehmen, dass es sich hier um die verwitwete Mutter mit ihren Kindern handelt; jedoch ist es durchaus möglich, dass einer der drei weiblichen Personen im Gefolge der Magdalena, in einem anders gearteten verwandtschaftlichen Verhältnis zu ihr steht. Bei der Gemeindeverbandsaufnahme 1861 wird Magdalena als Schwiegermutter des Hausierers Polifka bezeichnet, der mit ihrer der mit ihrer Tochter Rosa verheiratet ist und bei dem sie auch später wohnt.

Gedenkraum Jüdischer Friedhof

Entwurf von Walter Kirpicsenko und Alexander Klose

Eingangspavillon zum Jüdischen Friedhof Krems
mit der Dokumentation „…plötzlich waren sie alle weg…“

Eine Dokumentation in dem vorgesehenen zu sanierenden Wärterhäuschen ist aus folgenden Gründen nicht sinnvoll:

Die jetzige Situation der Zugänglichkeit des Friedhofareals ist für die zukünftige Nutzung nicht zufriedenstellend. Die Präsentation der Dokumentation „…plötzlich waren sie alle weg…“ von Dr. Robert Streibel erfordert keinen klimatisch geschlossenen Raum. Die Sanierung des weder architektonisch noch historisch bedeutenden Wärterhäuschens ist nicht sinnvoll.

ansicht1:

Projektkonzept:

Der konzipierte Baukörper verbindet sowohl eine Gestaltung der Eingangssituation des Friedhofareals mit der zukünftigen Präsentation der Dokumentation in Form eines gemeinsamen Flugdaches. Auch der aus der Piaristenkirche entnommene Grabstein wird unter diesem Flugdach aufgestellt.

Das Flugdach besteht aus einer Stahlbetonplatte mit zwei raumbildenden Umklappungen, dass auf zwei Glasschwerter aufgelagert ist. Der optische Eindruck ist der eines schwebenden Daches ohne statische Verbindung zum Untergrund.

ansicht4: ansicht3:

Der Niveauunterschied zwischen Gehsteig und Friedhofsareal wird behindertengerecht mittels einer Rampe überwunden. Diese Rampe liegt achsial zu der noch rudimentär erhaltenen Friedhofsallee.

Die Dokumentation kann bereits beim Betreten des Areals eingesehen werden, eine Begehung ist aber nur möglich durch eine 180° Richtungsdrehung am Ende der Rampe.

blick: blick2:

Die statisch wirksamen Glaskörper werden für die Präsentation des Dokumentationsmaterials verwendet und durch weitere statisch nicht wirksame Glasflächen erweitert.

Der Besuch des Areals als auch der Dokumentation wird in den Tagesstunden erfolgen, daher beschränkt sich die künstliche Beleuchtung auf eine Ausleuchtung der Deckenuntersicht.

Am Ende der Allee wird die vom Eingang aus sichtbare Friedhofswand angeleuchtet, um auch in den Abendstunden eine Tiefe sichtbar zu machen.

detail:

Übersichtsplan des Gedenkraumes auf dem Jüdischen Friedhof http://www.dada.at/gems/judeninkrems/plan2.jpg

Detailansicht des Gedenkraumes auf dem Jüdischen Friedhof http://www.dada.at/gems/judeninkrems/plan1.jpg

Der verlorene Lebenstraum

Anna Lambert

Wir hatten unser Leben fest im Griff, und alles ging seinen geordneten Lauf. Doch am Horizont zogen Gewitterwolken auf, die nicht nur mich persönlich bedrohten, sondern die ganze Welt. Der Nationalsozialismus hatte sein zweigesichtiges monströses Haupt erhoben und spie giftiges Feuer über Europa. Es brachte auch meine kleine Seifenblase zum platzen. Es war ein strahlend sonniger Tag im Februar 1939. Die Luft war frisch und belebend und die Sonnenstrahlen so lieblich und umschmeichelnd, daß es einem das Herz brechen konnte. Ich stand wie angewurzelt, blickte auf den Hang des bewaldeten Hügels, zu dessen Füßen unser Haus inmitten der Weingärten stand. Ich war damals 32 Jahre alt. Es schien mir, als wäre ich eben erst aus einem bösen Traum erwacht. Mein Herz war schwer, all der betäubenden Pracht um mich zum Trotz. Mein Mann wartete. Er hatte das Haustor und das Gartentor abgeschlossen und das Gepäck auf einen kleinen Wagen geladen, der an das Fahrrad montiert war. „Beeil dich, Mami, wir kommen zu spät!“ drängte mein vierjähriger Sohn Kurt lebhaft. Mechanisch legte ich den elfmonatigen Manfred in seinen Kinderwagen. Plötzlich wurde mir bewußt, daß ich in diesem Augenblick dabei war, alles hinter mir zu lassen, was mir über zehn Jahre so lieb geworden war: Meine Ehe und all die glücklichen Jahre, meine kleine eigene Welt, das Haus, das wir unter vielen Opfern und mit harter Arbeit errichtet hatten. Diese Erkenntnis traf mich mit aller Wucht. Ich mußte den letzten Rest von Willenskraft mobilisieren, um die vordergründige Gleichgültigkeit, mit der ich diesen Augenblick vorbereitet hatte, aufrecht erhalten zu können. Nacht für Nacht hatte ich gegen das Flehen meines Mannes anzukämpfen gehabt, dessen unkontrollierte Tränen der Verzweiflung mich beinahe umgestimmt hätten. All diese Nächte in den letzten Monaten war Franz neben mir gelegen und hatte geweint und auf mich eingeredet: „Du mußt dableiben, du darfst nicht weggehen, es ist Blödsinn, was die Zeitungen schreiben, das ist alles übertrieben. Du weißt doch, die Zeitungen lügen immer, es wird sich schon alles beruhigen.“ Ich ließ ihn reden und flehen und antwortete ihm nur: „Ich gehe nach England“. Ich vermute, er hat es bis zur letzten Minute nicht geglaubt, daß ich wirklich wegfahre. Aber ich hatte nur einen Gedanken: die Kinder müssen raus. Ich wußte nichts über England und kannte nur einen Namen: Lord Locker-Lampson. Wie ich ihm geschrieben habe, weiß ich heute nicht mehr, vermutlich erreichte ihn mein Brief auf dem Umweg über die Quäker, die Details sind mir nur mehr verschwommen in Erinnerung. Ich hatte jedenfalls nur eines im Sinn: mit den Kindern hinaus ˆ und sonst kümmerte ich mich um nichts anderes mehr. Nur der Gedanke an meine Kinder und die Vorstellung, was ihre Zukunft sein würde, gaben mir die Kraft, durchzuhalten. Jetzt war es endlich so weit! Ich war dabei, meinen Mann, mein Haus, mein Familienleben, mit all dem gemeinsamen Lachen und Weinen, meine Freunde hinter mir zu lassen… wofür? Ich hoffte auf Freiheit in einem gesunden Land und auf physische Sicherheit für meine Kinder. Die Kinder! Sie waren das Motiv, das mich antrieb und stärker war als alle anderen Gefühle und Gedanken. Sie mußten heraus aus diesem Pfuhl der Entwürdigung und der Angst, sie mußten gerettet werden vor den Angriffen auf ihre unschuldigen Herzen, mußten davor geschützt werden, zu Werkzeugen gegen ihre eigenen Eltern und Freunde geformt zu werden, mußten vor der Idee des „Heldentums“ bewahrt werden, die darin bestand, darauf stolz zu sein, dem „Führer“ zu dienen, auch wenn das die Verfolgung Unschuldiger zur Folge haben und Verheerung unter Freunden und Verwandten anrichten sollte… Es war sonnenklar, es gab keinen anderen Weg… auch wenn ich zuvor Österreich noch nie verlassen hatte und weder die Sprache kannte noch sonst etwas von dem Land wußte, in das ich strebte… Wäre ich unter normalen Umständen mit meiner Familie ausgewandert, hätte ich mich sicherlich bemüht, etwas über das Land zu erfahren, seine Sprache zu lernen. Aber ich hatte ja nicht die Absicht gehabt, mein geliebtes Österreich zu verlassen, sondern war von Parasiten, von dieser Pestepidemie, die uns vernichtet hätte, vertrieben worden. Ich hatte ein Angebot, die Einladung Lord Locker-Lampsons, die er Jahre zuvor bei einer Plauderei im Kurpark von Baden ausgesprochen hatte. An diese Einladung klammerte ich mich tapfer, wie eine Ertrinkende an einen Strohhalm. In diesen unruhigen Zeiten, in denen man von einem Tag zum nächsten nicht wußte, was auf einen zukommen würde, war es für mich undenkbar, erst einen Kontakt herzustellen und auf eine Antwort zu warten. Darum wollte ich mich dann kümmern, wenn alles andere mehr oder weniger fixiert war. Wenn ich nur rechtzeitig hinauskäme! Ich rechnete ständig mit einem Überraschungsbesuch der Nazi-Schergen.

Ich nahm meine ganze Kraft zusammen und antwortete dem Kind: „Ja, Schätzchen, ich bin soweit“, und schon ging es los. Vor Aufregung über die lange Zugfahrt, die uns erwartete, sprang Kurt unruhig vor uns herum, während das Baby in seinem Wagen eingeschlafen war. Wir mußten etwa einen halben Kilometer zum Bahnhof zu Fuß gehen. Wir nahmen den Feldweg, um jedes unnötige Zusammentreffen zu vermeiden. Mein Mann war schrecklich aufgeregt, und nach einer Weile blieb er stehen. Er wandte sich zu mir und meinte: „Willst du keinen letzten Blick zurückwerfen?“ Aber ich traute weder mir noch meinem Mann, der den leisesten Anschein einer Schwäche meinerseits genutzt hätte, um mich davon zu überzeugen, daß das Land nur in vorübergehenden Schwierigkeiten steckte und sich schon bald alles normalisieren würde. Ich entgegnete ihm: „Wozu die Agonie verlängern? Es ist doch nur für ein paar Monate!“ Es sollte überzeugend klingen, aber mir selbst war nie zuvor so klar gewesen, daß dies das Ende einer weiteren Episode meines Lebens war. Wir sprachen kein Wort mehr, und für einen Augenblick mußte ich zurückdenken, an einen anderen Wendepunkt meines Lebens. Ich war damals, 1914, gerade sieben Jahre alt gewesen und kam am Beginn des Ersten Weltkriegs in die Schule. Es war das Ende meiner unbeschwerten Kindheit. Danach waren nur mehr Traurigkeit, Unsicherheit, Angst, Hunger und Leiden für viele Jahre gefolgt… Wir erreichten den Bahnhof, und ich hatte alle Hände voll damit zu tun, auf die Kinder und das Gepäck zu achten, während mein Mann die Fahrkarten nach Wien besorgte. Von dort sollte es mit dem Nachtzug nach Hamburg weitergehen. Die Reise schien endlos. Ich hatte die Kinder gut versorgt, und sie schliefen fest. Wir hatten ein ganzes 2.-Klasse-Abteil für uns allein. Mein Mann saß mir gegenüber und starrte in die Nacht. Ich konnte meine eigenen Gefühle nicht interpretieren, ich war emotional wie leergepumpt und stand gleichzeitig unter größter Anspannung. Ich würde mich nicht entspannen können, bis wir uns auf dem Meer befänden. Erst dort würde ich sicher sein, nichts würde mehr dazwischen kommen oder uns aufhalten können. Der Schritt, den ich gewagt hatte, würde unumkehrbar sein. Ich sah hinüber zu meinem Mann. Sein Gesicht war so blaß, so gezeichnet, so hoffnungslos. Es tat mir im Herzen weh. Mir war in diesen qualvollen Wochen nicht aufgefallen, wie verzweifelt er wirkte. Ich hatte bei jeder Gelegenheit alle Kraft benötigt, ihn davon zu überzeugen, daß er seine Kinder, wenn er sie liebte, gehen lassen mußte. Wenn er recht damit hatte, daß der derzeitige Wahnsinn und die Brutalität nur Exzesse von Extremisten waren und Recht und Ordnung bald wieder hergestellt sein würden, nun, dann würden wir ohnehin bald zurück sein… Er sah so verletzlich aus, ich wußte, wie sehr er uns brauchte. Ich war sein Rückgrat, ich war die Stärkere von uns beiden, was würde mit ihm geschehen? Wie sollte er ohne mich mit sich selbst zurecht kommen? Ohne die Kinder? Er war von Natur aus ein Familienmensch. Er liebte sie, hingebungsvoll und völlig kritiklos, und er war so unglaublich stolz, ihr Vater zu sein, daß sie ihm schrecklich fehlen würden! Heute, mehr als fünf Jahrzehnte später, kann ich ihm seine Schwäche nicht verzeihen. Er hat uns gehen lassen und ist hoffnungsvoll daheimgeblieben. Es stimmt, daß er kein Ausreisevisum bekommen hätte, da er im wehrpflichtigen Alter war. Wir wußten, daß der Krieg kommen würde, auch wenn keiner gedacht hätte, daß er so nah war. Aber hätte er, wie viele andere in seiner Situation, sich ein wenig bemüht und wäre in den Untergrund gegangen, dann hätte er als Flüchtling nach England kommen können. Zu dieser Zeit wäre das noch relativ einfach gewesen, noch dazu, da er nur auf sich selbst gestellt war, ohne Sorge um seine Kinder. Ich traf im Laufe der Jahre viele Männer und Frauen, die das gewagt hatten, als sie dazu gezwungen gewesen waren, in einer Zeit, als die Flucht den Tod oder Schlimmeres bedeuten konnte und die Erfolgsaussichten fast null waren! Aber er hatte sich einfach nicht vorstellen können, alles aufzugeben, der Realität in die Augen zu sehen und einen klaren Bruch herbeizuführen. Er zog die österreichische Methode vor, machte einfach weiter und betrog sich selbst. Aber das ersparte ihm die Realität nicht, und er sollte seinen Teil des Leids noch ertragen müssen. Ich schloß die Augen und tat, als schliefe ich, wenn mir auch nichts ferner lag. Mir war, als würde das monotone Geratter des Zuges ständig wiederholen: Was wird passieren? Was wird passieren?… Hatte ich voreilig und verantwortungslos gehandelt? War ich illoyal? Doch dann rief ich mir eine Szene nach der anderen in die Erinnerung zurück, die mich bewogen hatten, die Freiheit in der Ferne zu suchen…

Aus: Du kannst vor nichts davonlaufen. Erinnerungen einer auf sich selbst gestellten Frau. (Herausgegeben von Robert Streibel) Wien Picus Verlag 1992, 188 Seiten.

Unbekannt verzogen

Ein unsichtbares Projekt mit einem sichtbaren Ergebnis

Robert Streibel

Denkmäler können nicht zur Erinnerung mahnen. Denkmäler müssen aufgesucht werden, um das zu tun, weswegen sie errichtet wurden. Auch an Denkmäler kann man sich gewöhnen und so an ihnen vorbeisehen. Trotzdem sind Denkmäler eine Form der Auseinandersetzung mit dem Grauen und ein Versuch gegen die Anonymisierung der Opfer. Die Erinnerung an die Vertriebenen und Ermordeten soll jedoch auch einmal einbrechen in den Alltag und plötzlich im Postkasten liegen. Zumindest ein Versuch soll gewagt werden, 60 Jahre nach dem Novemberpogrom, der einen Wendepunkt in der Geschichte des Nationalsozialismus hin zur Vernichtung der jüdischen Bevölkerung darstellte. In den Akten der Volksgerichtsprozesse gegen die Novemberpogrom-Täter hieß es sehr oft über die unmittelbaren Zeugen der Gewalttaten: „Aufenthalt unbekannt“; „unbekannt verzogen“. Zumindest ein aussichtsloser Versuch.

Historical Mail Research: eine Provokation Am 9. November 1998 startete die erste „Historical Mail Research“. Im November bekamen 127 Juden aus Krems Post an ihre alte Adresse. Die Vergangenheit bricht in den Alltag ein, kein Denkmal, keine Sendung, kein Bericht schaffen dies. Post im Postkasten für eine Person, die es unter dieser Adresse nicht mehr gibt. Post für eine Person, die niemand kennt, von der „man“ vielleicht aber schon gehört hat. Post als Provokation. Bei den Recherchen über die Geschichte der Juden in Krems hat mich von Anfang an die Frage fasziniert, wer lebt heute in den Wohnungen, wer betreibt heute die Geschäfte in den ehemaligen Geschäften der jüdischen Bewohner. Eine bohrende Frage, die mich um so weniger losließ, als in unmittelbarerer Nähe meines Elternhauses des Haus jenes jüdischen Rechtsanwaltes steht, bei dem meine Großmutter bis 1938 gearbeitet hat. Nur in den seltensten Fällen gelang es, zu den heutigen Bewohnern oder Geschäftsinhabern vorzudringen. Was sollte auch gefragt werden, was fragt man die dritte Generation nach der Vertreibung und Ermordung der Juden? Wenn es gelang, dann war sofort Angst in den Augenwinkeln im Aufblitzen begriffen: „Warum wollen sie fotografieren? Wollen die Erben etwas zurück? Das ist alles mit rechten Dingen vor sich gegangen.“ Manchmal sah ich auch Erschütterung, manchmal echt, manchmal gespielt, mit unverhohlenem Antisemitismus als Draufgabe: die Widerhaken in der Betroffenheit. Die Adressen aller Juden in Krems, in ihrer Heimatstadt, in ihrem Deportationsort in Wien und in den jeweiligen Orten, Gettos und Konzentrationslagern waren Teil der historischen Recherche für verschiedene Publikationen. Soweit zum einen Teil der Geschichte des Projektes. Der zweite Teil ist eng mit dem jüdischen Friedhof verknüpft, dem letzten Platz, an dem heute noch jüdische Geschichte der Stadt gezeigt werden kann. Nachdem im Jahr 1995 das Denkmal von Hans Kupelwieser enthüllt werden konnte, befindet sich auf diesem Friedhof eine über den Raum Krems hinaus bedeutende Schwelle zwischen Erinnern und Vergessen. Bis zum Jahr 1996 lebte auf dem Friedhof der betagte Friedhofswärter Michel „Fuzi“, der unter ärmlichsten Bedingungen auf dem Friedhof ein Zuhause gefunden hatte und in seinen besseren Tagen für die Pflege des Friedhofes gesorgt hatte. Er war es mit seiner Unbekümmertheit auch gewesen, der den Ausschlag für die Renovierung des Friedhofes gelegt hatte, denn seine Art, seine Unterhemden, Unterhosen und Handtücher quer über den jüdischen Grabsteinen aufzuhängen, provozierte einige Leserbriefe in den Lokalzeitungen, die letztlich den Ausschlag für die Renovierung des Friedhofes gaben. Nachdem „Fuzi“, der sich bis zuletzt geweigert hatte, in eine Ersatzwohnung zu ziehen, gestorben war, stand das Friedfhofswärterhäuschen leer und nach Absprache mit der Kultusgemeinde soll eine Renovierung und Adaptierung des Häuschens einen Gedenkraum für die Kremser Juden schaffen, um eine Dauerausstellung über die Kremser Juden präsentieren zu können und das gesammelte Material über die Geschichte der jüdischen Gemeinde ausstellen zu können. Die für die Restaurierung notwendigen Mittel sollten zum Teil aus Spenden aufgebracht werden, wobei die Bauschule Krems wesentliche Vorarbeiten in der Planung und Durchführung der Instandsetzung des Gebäudes vornehmen würde. Ein Teil dieses Projektes war die „Historical Mail Research“, das unsichtbare Denkmal. Die Juden aus Krems, sollten zumindest noch einmal an diesem Ort zusammenkommen, zumindest theoretisch, postalisch oder bürokratisch. Im Zuge der „Historical Mail Research“ bekommen die Kremser Juden Post, einen Brief abgestempelt am 9. November, an die Adresse in Krems, an die Adresse in Wien, wohin sie umziehen mußten, an die Adresse in Theresienstadt, Auschwitz oder Riga. In den Wohnungen leben heute andere Menschen, die wenigsten wissen von jenen, die hier einmal gewohnt haben. Der Brief ist nicht an sie adressiert und enthält Fragen an die Nachgeborenen. Die Briefe werden vielleicht nicht gelesen, verschwinden zwischen Krems, Wien, Tschechien, Rußland und Polen, manche werden zurückkommen: Absender Jüdischer Friedhof Krems, Wiener Straße 115. Die Briefe beschreiben eine Reise, die für die Opfer mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Weg ohne Zurück war. Die Briefe kehren vielleicht zurück, sie finden keine Adressaten mehr, keine Nachkommen.

Die Briefe an 73 Adressen von Juden (einer Auswahl aus dem bestehenden Datenmaterial, das mehr als doppelt so viele Briefe möglich gemacht hätte) sollten, falls „unzustellbar“, an den jüdischen Friedhof in Krems geschickt werden. Was würde geschehen? Würden die Juden nochmals heimkehren? Wie viele Briefe würden verschwinden? Die Briefe waren nicht nur leere Umschläge sondern enthielten Fragen, Fragen gerichtet an niemanden, der sie beantworten könnte, Fragen, die trotzdem gestellt werden, Fragen mit ungewissen Antworten.

Ein Brief mit Fragen

Was wurde aus den Erinnerungen, aus den Büchern und den Fotos in der hintersten Schublade? Führt der Handlauf Besucher noch in den ersten Stock blank poliert von den Seufzern? Hängen Träume noch in den Ritzen der Mauern, oder hält die zwölfte Schicht Tapeten das Haus fest umklammert? Sind die Lieder und das Klirren der Scheiben verklungen, oder tönt noch das Echo der Erinnerung?

Kratzt das schlechte Gewissen am Türstock, oder ist die Falle leer und der Speck längst gegessen? Beschlägt Unverständnis die Fensterscheiben, oder tauen wir vergebliche Löcher in die wuchernden Eisblumen? Wer läutet noch und wer öffnet die Türen?

Keine Antworten, nur verschwundene Briefe Antworten auf die Fragen trafen keine ein, wie sollten sie auch, da es für die Briefe doch keine Adressaten mehr gab. Das Ergebnis dieser Historical Mail Research war doch überraschend und verblüffend zugleich, denn das Ergebnis dieser „Nachforschung“ ergab: Die jüdische Gemeinde von Krems besteht auch 1998 noch aus mehreren Dutzend Personen. Am 9. November hatten 73 Jüdinnen und Juden, Mitglieder der Kremser Kultusgemeinde Briefe geschickt bekommen an ihre Adresse, an ihre Wohnadresse in Krems und Umgebung, an ihr Quartier in Wien, in das sie nach 1938 vertrieben wurden und an ihren letzten bekannten Aufenthaltsort. Bislang sind nur 16 Briefe, die an Wiener Adressen oder ins Ausland geschickt wurden und lediglich ein Brief, der an eine Kremser Adresse gegangen ist, zurückgekommen. Was geschah mit den restlichen Briefen? Wieviele sind noch unterwegs? Wieviele wurden geöffnet? Das Ergebnis bislang muß lauten: In Krems, Hadersdorf, Brunn, Etsdorf, Spitz und Langenlois leben demnach noch Juden, denn die Briefe haben offenbar ihre Adressaten erreicht.

Mit Briefen und amtlichen Schriftstücken, die den Jüdinnen und Juden im Jahr 1938 und in den folgenden Jahren zugestellt wurden, begann deren Ende. Nach mehr als 60 Jahren sollten Briefe nochmals diese Reise aufnehmen, um zurückzukehren. Diese Rückkehr wurde zum Teil verhindert. Hatte das schlechte Gewissen Briefe geöffnet, wurde nicht einmal ein Zustellversuch unternommen, hatte Achtlosigkeit diese Boten zwischen Werbesendungen und Zeitungen verkommen lassen? Ungeklärte Fragen. Hätte das Zusammenspiel von so viel Schlamperei, und Gleichgültigkeit vor mehr als 60 Jahren nicht mehr Leben retten können, wenn wir schon nicht Mut, Menschlichkeit und den Anstand ins Spiel bringen wollen? Das ernüchternde Ergebnis der „Historical Mail Research“ entspricht letztlich auch der historischen Realität: ein Großteil der Briefe ist verschwunden und nur die wenigsten kehrten in die Heimat zurück.

Noch einmal Post

Liste der abschickten Briefe

aufgegeben am 9. 11. 1998

Zurückgekommen bis Mai 1999

Otto Adler, Dinstlstraße 8, 3500 Krems
Otto Adler, Riga
Alfred Aufweber, 3620 Spitz 200
Otto Auspitz, Körnermarkt 7, 3500 Krems
Peter Bader, Dinstlstraße 2, 3500 Krems
Berl Bartfeld, Hoher Markt 7, 3500 Krems
David Bass, Lilienbrunng. 11, 1020 Wien x
Charlotte Drescher, Staudingergasse 9, 1200 Wien
Leopold Fischer, 3550 Langenlois 516
Samuel Geiduschek, Untere Augartenstraße 28, 1020 Wien
Bernhard Glass, Spenglergasse 5, 3500 Krems
Bernhard Glass, Klosterneuburger Str. 71, 1200 Wien x
Pauline Glaser, 3512 Mautern 52
Pauline Glaser, Litzmannstadt x
Max Goldstein, 3494 Brunn im Feld 70
Charlotte Hauser, Theresienstadt x
Joel Hirsch, Langenloiser Straße 10, 3500 Krems
Joel Hirsch, Zirkusgasse 25, 1020 Wien x
Siegfried Hirsch, 3552 Lengenfeld 155
Rusa Hruby, Schlüsselamtsgasse 3, 3500 Krems
Franz Jäger, Tilgnerstraße 5, 1040 Wien x
Henriette Jilka, Große Mohrengasse 20, 1020 Wien
Henriette Jilka, Litzmannstadt
Arnold Kerpen, Schöllerhofgasse 7, 1020 Wien x
Philippine Kerschbaum, Dachsberggasse 4, 3500 Krems
Rosa Kohn, Porzellangasse 18, 1090 Wien x
Max Kohn, Garbergasse 12, 1060 Wien
Leopold Kohut, Kornplatz, Langenlois
Max Kohn, Untere Landstraße 36, 3500 Krems
Johanna Kolb, Kasernstraße 1, 3500 Krems
Samuel Kolb, Untere Landstraße 35, 3500 Krems
Rosa Lustig, 3493 Hadersdorf
Josef Nemschitz, Obere Donaustraße 85, 1020 Wien
Fritz Nemschitz, Heiligenstädter Str. 83, 1190 Wien
Neubauer & Weiler, 3620 Spitz 128
Samuel Neubauer, Schlüsselamtsgasse 4, 3500 Krems
Albert Neuner, Schwedengasse 2, 3500 Krems
Arthur Neuner, Alserbachstraße 33/16, 1090 Wien
Arthur Neuner, Minsk x
Katharina Oberländer, Schlüsselamtsgasse, 3500 Krems
Josef Pisker, Rembrandtstraße 30, 1020 Wien
Paul Pisker, Kolonitzgasse 10, 1030 Wien x
Gertrude Pisker, Zirkusgasse 25, 1020 Wien
David Rachmuth, Schillerstraße 12, 3500 Krems x
David Rachmuth, Linderg 11, 1090 Wien x
Karl Rephan, Frauenberggasse 1, 3500 Krems
Ignaz Rephan, Frauenberggasse 1, 3500 Krems
Norbert Sachs, Hofgasse 7, 1040 Wien; Odeongasse 5/21, 1020 Wien
Norbert Sachs, Theresienstadt x
Karl Sachs, Obere Donaustraße 85, 1020 Wien
Karl Sachs, Theresienstadt x
Emil Schafranek, 3492 Etsdorf 130
Jakob Schafranek, 3492 Etsdorf 65
Ida Schafranek, 3492 Walkersdorf 22
Karl Schafranek, 3492 Etsdorf 27
Philipp Schafranek, Minsk x
Emil Schafranek, 3492 Etsdorf 130
Jakob Schafranek, 3494 Brunn 70
Philipp Schafranek, Haidgasse 7/1/3, 1020 Wien
Alfred Schafranek, 3493 Hadersdorf 79
Josefine Schlesinger, Untere Landstraße 12, 3500 Krems
Wilhelm Schlesinger, Schwedengasse 2, 3500 Krems
Leopold Schlesinger, Schwedengasse 2, 3500 Krems
Karl Silberman, Stadtgraben 16, 3500 Krems
Karl Silbermann, Rembrandtstr. 25, 1020 Wien
Karl Silbermann Izbica x
Josef Smetana, Obere Landstraße 36,3500 Krems
Adolf Stulz, 3541 Imbach 31
Tonwarenerzeugung, Baumgarten Parzelle 390/3
Hermann Wagenberg, Schmidgasse 8, 3500 Krems
Rudolf Wasservogel, Obere Landstraße 31, 3500 Krems
Rudolf Wasservogel, Türkenstraße 91, 1090 Wien
Jakob Weiss, 3541 Senftenberg 91

Von den abgeschickten Briefen sind lediglich 16 zurückgekehrt auf den jüdischen Friedhof in Krems.
Die restlichen sind verschollen, gelesen oder ungelesen.

Vertreibung mit Folgen

Judenpogrom und der Bau des Kremser Brauhofsaales

Robert Streibel

Die Juden von Krems waren für die „Mitbürger‰ 1938 „plötzlich alle weg‰. Diese Aussage, kehrt fast wie eine stehende Formel in den Erzählungen von verschiedenen ZeitzeugInnen immer wieder. Mit dem „Plötzlich alle weg‰ läßt es sich leichter leben, denn es erspart das Denken an die Gewalt und Gemeinheit, die den Nachbarn angetan wurde, das „Plötzlich waren sie alle weg‰ ist letztlich ein nachträglicher Versuch, das schlechte Gewissen zu beruhigen. Die Vertreibung der Juden aus Krems, die lange vor 1938 begonnen hatte ˆ denn bereits 1932, als die NSDAP in Krems noch legal war, postierten SA-Männer vor jüdischen Geschäften, um Konsumenten am einkaufen zu hindern ˆ hinterließ nur in den wenigsten Fällen Spuren, die unabhängig von der Erinnerungsfähigkeit eine Chance hatten um zu überdauern. Ein besonderer Fall dieser Vertreibung mit Langzeitwirkung ist aufs Engste mit dem Bau jenes Saales verbunden, der noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der Befreiung der Stadt vom Nazionalsozialismus das Alltagsleben der Stadt und seiner Bewohner bestimmen sollte. Die Rede ist hier vom Brauhofsaal, der bei seiner feierlichen und pompösen Eröffnung im November 1940 als der größte Saal Niederdonaus galt. Und einen derartigen Saal hatte die Gauhauptstadt Krems dringend von Nöten, denn wo sonst sollten Appelle abgehalten werden und die Bewohner zur ideologischen Befehlsausgabe zusammengeholt werden. So ähnlich liest es sich auch in der Erklärung zur Errichtung dieses Saals. „Die NSDAP hat nun jede Möglichkeit, ihre Parteimitglieder zu versammeln und zu mächtigen Kundgebungen eines großen einheitlichen Willens, aber auch Entgegennahme von wichtigen Weisungen., die immer wieder erfließen müssen, zusammenzurufen.‰ Den Reden folgte die Aufheiterung für die Truppe, Monate später lagen im Saal die Ergebnisse der Wollsammlung im Bezirk für die frierenden Soldaten und 1945 wurde hier der Volkssturm als letztes Aufgebot vereidigt. Das kulturelle Leben der befreiten Stadt begann mit Konzerten russischer Militärs, mit Opernaufführungen und Boxveranstaltungen. Als die Maturabälle in den Saal einzogen, hatten ihn die „Stalingradkämpfer‰ längst als Treffpunkt für ihre Treffen entdeckt. Daß der Brauhofsaal erst gebaut werden konnte, weil die Juden aus dem Haus vor dem Steinertor vertrieben worden waren, ist nur den wenigsten bekannt, in der Zeitung liest man im Juni 1939 selbstverständlich nur von der Verlegung des traditionellen Café Billeks, das sich im Haus Schwedengasse Nummer 6 befunden hatte und dem Bau weichen mußte. Die Vertreibung der Juden aus ihren Wohnungen erleichterte den Planern die Arbeit und ermöglichte rechts vom Steinertor einen Stiegenaufgang zum Brauhofsaal. Am Beispiel des Häuserensemble rund um das Steinertor ˆ vor der Stadtmauer und in der Stadtmauer ˆ kann wie an wenigen anderen Plätzen die Geschichte des Antisemitismus und der Vertreibung der Juden geschrieben werden, denn auf wenigen Metern ereignete sich hier die Geschichte in allen Facetten, die von der berechtigten Angst, über den legalisierten Raub, der Vertreibung aus der Wohnung und der nackten Gewalt In dem geschliffenen Haus befanden sich eine Reihe von jüdischen Geschäften, hier verkaufte Saul Langberg, Hosen und Schuhe, hier erwarb zum Beispiel auch der Arbeiter Johann Wurm rote Selbstbinder, die nicht nur für ihn ein stolzes Zeichen des politischen Selbstbewußtseins war. Nach der vollständigen Auflösung aller Organisationen der Arbeiterbewegung 1934 konnten Johann Wurm und seine damals noch sozialdemokratischen Freunde diese roten Selbstbinder nicht mehr tragen, sie verschwanden in den Kästen und Schubhladen, als auch dieses Versteck im März 1938 als nicht mehr sicher gelten könne, bat Saul Langberg Johann Wurm, ihm doch den Restposten von roten Selbstbindern aus dem Geschäft zu schaffen. Saul Langberg war für die Kleinstadt Krems eine schillernde Figur, denn vor dem Stadttor in die Innenstadt war das kleine Geschäft für viele ein Tor zur Welt: kein Wunder, denn Saul Langberg, der mit Johann Kolb und ihren Kindern Malvine und Otto zusammenlebte, war weitgereist. Er hatte einen Bruder in Südafrika, hatte selbst als Kellner und in einer Bettenfabrik in Amerika gearbeitet. Nach Europa war er zurückgekommen, um seine Eltern in Polen nochmals zu sehen, doch der Erste Weltkrieg brach aus und so mußte er seinen Militärdienst ableisten, wurde verwundet und kam ins Spital nach Krems, wo er sein Geschäft eröffnete. Seine Erlebnisse bekamen die Kunden gratis zu den erworbenen Waren und manche gingen mit mehr nach Hause als sie tragen konnten, denn Paul Pisker lernte er wie man eine Grapefruit ißt und Alfred Silbermann, dessen Eltern in der heutigen Arbeitergasse wohnten, schloß in Langbergs Geschäft den ersten Kontakt mit der Englischen Sprache. Saul Langberg gelang mit seiner Lebensgefährtin Johanna Kolb und deren Kindern die Flucht in die USA. Johanna Kolb verstarb 1965 in San Francisco ihr Mann 1973. In unmittelbarer Nähe des Geschäftes befand sich die Brandweinschenke von Leopold Schlesinger, das weitere Schicksal dieser Familie ist nicht weiter belegt, klar ist lediglich, daß Marie Schlesinger am 12. Mai 1942 ins Generalgouvernement deportiert und ermordet wurde. Aktenkundig ist auch die Schenkung des Hausanteils Schwedengasse Nummer 2 an die NSDAP, die angesichts der allgemeinen Umstände alles anderes als freiwillig über die Bühne gegangen sein dürfte. Im Haus Schwedengasse Nummer 2 befand sich auch das Wäschegeschäft der Familie Neuner. Die Plünderung dieses Geschäftes ist von verschiedenen Augenzeugen belegt. Erinnert sich eine Frau an die Verkündigung 1938: „Jetzt gehen wir zum Neuner‰, die den Marktplatz in Krems in kürzester Zeit leergefegt habe, da jedermann und jedefrau auch gerne einmal gratis einkaufen wollten. Bevor es zur Plünderung und Zerstörung ging, wurden die Kunden des Wäschegeschäftes an den Pranger gestellt. Der Fleischhauer Vincenz Zlabinger erinnert sich, das auch er auf einem Foto in der Auslage ausgehängt war, weil er bei Juden gekauft hatte. Anton Merkel, ein Nachbar war Zeuge, wie der Rollbalken mit einem Krampen eingeschlagen wurde und ein anderer ebenfalls als Kind an Aufläufen und Menschenansammlungen interessiert weiß noch, wie die alte Frau auf die Straße gezerrt und geschlagen wurde. Karl Sternecker, der sich „beim Neuner selbst einmal ein Jankerl gekauft hat‰, war ab dem 1. Oktober 1938 als Malergeselle beim Maler und Anstreicher Wunderbaldinger beschäftigt. In einem kleinen Kellerloch in der Schmidgasse befand sich ein Materiallager. „Um dreiviertel sieben haben wir Materialverteilung gehabt, weil wir in Gneixendorf die Baracken gestrichen haben. Auf einmal schepperts, Glasscherben sind geflogen, Wahnsinn, Weiber haben geschrien. Wir sind zur Ecke gegangen und haben rübergespechtlt, die vier, fünf Männer, die das gemacht haben, haben wir nicht gesehen, aber die haben das ganze Geschäft mit die Prügel zusammengedroschen. Dann haben sie die Haustüre aufgebrochen und sind in den Stock hinauf und haben wieder alles zusammengedroschen, die alten und jungen Frauen haben geschrien. Einer von unsere Gesellen, das war ein Kremser und der hat dann gesagt, er kennt jemand. „Schleichen wir uns, ich kenne das jemand, sonst kriege ich Schwierigkeiten. Dann haben wir uns zurückgezogen.‰ Während Agnes Neuner, die Geschäftsinhaberin das Konzentrationslager Theresienstadt überlebte, waren ihr Sohn Arthur und dessen Frau Frieda bei jenen knapp 1000 Juden, die am &. Mai 1942 nach Minsk verschleppt und gleich in der Nähe des Bahnhofs erschossen worden waren. Der zweite Sohne von Agnes Neuner, Ernst überlebt in Wien, obwohl sich seine „arische‰ Frau Marianne Frytal von ihm scheiden läßt und Mitglied des Reichsluftschutzbundes wird, gelingt es ihr immer wieder die Deportation ihres geschiedenen Mannes mit dem Hinweis zu verhindern, da sie sonst niemanden habe, der für den Unterhalt der Kinder sorgen könne. Ernst Neuner überlebt nicht nur in Wien, sondern organisiert auch generalstabsmäßig die Verpflegung von inhaftierten Juden in Theresienstadt. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Berta Kerpner sammelt er Geld und Lebensmittel. In insgesamt 933 Postsendungen werden so rund 40 Personen von November 1943 bis Ende 1944 beschickt. Alleine seiner Mutter konnte er auf diesem Wege 158 Lebensmittelpakete senden. Im Haus Schwedengasse Nummer 2 wohnte aber auch die Familie Kohn. Nach dem Tod der Mutter in den frühen zwanziger Jahren war die Familie zerrissen, Richard kam in ein Waisenhaus und nach einem Streit mit dem despotischen Vater, zog auch Anna Kohn aus und übersiedelte nach Wien. Im Jahr 1938 lebte nur mehr Samuel Kohn, der durch sein Engagement in Mieterfragen, als Sanitäter im Republikanischen Schutzbund, als Gesellschaftsmensch, der mit Wein und Alkohol gehandelt hat, vielen Menschen in Krems ein Begriff war. Auf einen kleinen Leiterwagen mußte er sein Hab und Gut aufladen, nachdem er aus seiner Wohnung geschmissen wurde und bis zu seiner Übersiedlung nach Wien lebte er in der Dachsberggasse 8 beim alten Ehepaar Jakob und Katharina Sachs.

Ein Leben mit der Erinnerung

Begegnungen mit Anna Lambert

Robert Streibel

Am Anfang stand ein Brief, eine Antwort auf ein Rundschreiben an alle vertriebenen Kremser Juden. Der Brief aus England war mit Maschine geschrieben, die Unterschrift zittrig. Anna Lambert. Nicht ganz eine Seite hatte sie sich abgerungen, denn die Hand wolle nicht mehr so richtig und die Schreibmaschine hätte sie auch schon lange nicht mehr bedient, merkte sie an. Ein Kampf für eine Seite. Doch zwischen den Zeilen Humor und ein starker Wille, sich doch nicht von den Nebenerscheinungen des Alters unterkriegen zu lassen. Anna Lambert nahm, soweit es ihre Kondition zuließ, brieflich regen Anteil an meiner Forschungsarbeit über die Juden von Krems, sie munterte mich auf und schickte mir schließlich ein englischsprachiges Manuskript: den Beginn ihrer Erinnerungen. Vor einigen Jahren habe sie begonnen, ihr Leben für ihre Kinder aufzuschreiben, ihre Kinder sollten wissen, woher sie kämen, wie sie ins Land gekommen seien, denn einmal werde sie nicht mehr sein, und dann werde niemand mehr fragen können. Erinnerungen an Krems, eine Abrechnung mit ihrem Vater. Nach der ersten Lektüre war ich verunsichert. Samuel Kohn schlägt seine Frau, tyrannisiert die Familie. In der Erinnerung von Anna war ihr Vater ein seelischer Jekill und Hyde. War diese Demaskierung eines Angehörigen der verfolgten jüdischen Bevölkerung der niederösterreichischen Kleinstadt statthaft oder Wasser auf die Mühlen Unverbesserlicher? Nach einigen Monaten und meiner Frage, ob es zu diesen Erinnerungen auch noch eine Fortsetzung gäbe, schickte mir Anna die Geschichte ihrer Flucht nach England, eine in Rückblenden geschriebene Erinnerung. Den dritten Teil ihres Lebensberichtes über ihre Ausbildung zur Krankenschwester und Hebamme und ihre Arbeit als Bezirkskrankenschwester bekam ich erst viel später, bei meinem Besuch in Poole, in England. Die Fortsetzung von Annas Leben in England kannte ich allerdings in groben Zügen bereits vor meinem Besuch bei ihr. Abraham Nemschitz, entfernt verwandt mit Anna Lambert Ëœ seine Großmutter und der Vater von Anna waren Geschwister Ëœ hatte mir geschrieben, erzählt, angedeutet und von verschiedenen Besuchen bei Anna berichtet. Nach der Lektüre des zweiten Teils der Erinnerungen, der oft nur angedeuteten Geschichte der Kinder in England, stellte sich für mich die Frage, was wohl aus dieser „Familie“ geworden war? Würden sich die Kinder erinnern können, von ihrem Schicksal, dem sie entronnen sind, wissen? Es dauerte zwei Jahre, bis ich Anna persönlich kennenlernen sollte. Anna besuchte damals mit ihrem Sohn und dessen Tochter ihre alte Heimat. Eine Wiederbegegnung mit der Heimat im Alter von 82 Jahren. Gemeinsam fahren wir nach Krems, besuchen Annas Bruder Hans. Die Geschwister haben, hoch gerechnet, höchstens acht Jahre gemeinsam verbracht. Die Mutter starb, der jüngere Bruder Richard kam in ein Waisenhaus, Hans ging als Goldschmied in Wien in die Lehre, Rosi war als Kindermädchen in Ungarn. Und Anna zerstritt sich mit dem Vater, verließ Krems, heiratete in Wien und zog zu ihrem Mann nach Bad Vöslau. Es gab einige kurze Begegnungen bei Besuchen Annas in Krems. Das letzte Treffen mit Hans fand 1938 statt, als die Nazis bereits im Land waren. Hans lebte damals in Krems mit seiner Frau Melanie zusammen, die ein Kind erwartete. Als Melanie in den Wehen lag, wollte ein SA-Mann Hans abholen, es kam zu einem Streit und zu Handgreiflichkeiten. Die Erinnerung der beiden Überlebenden unterscheidet sich in Nuancen. Hans berichtet, er habe zur Hacke gegriffen, den SA-Mann bedroht und damit in die Flucht geschlagen. Anna erzählt von einem Streit, bei dem der SA-Mann über die Treppe gestossen worden sei. In dieser Nacht war Anna jedenfalls zum letzten Mal in Krems. Gemeinsam mit dem Vater und Melanie überredete Anna ihren Bruder Hans zur Flucht aus Krems. Hans erfuhr von der Geburt seines Sohnes erst, als er bei einem Bauern in Oberösterreich Zuflucht gefunden hatte. Nach einigen Wochen holte ein Dorfgendarm Hans aber auch von dort ab, die Fahrt ging über Linz ins Konzentrationslager nach Dachau. Durch einen Zufall oder eine Verwechslung wurde Hans aber wieder freigelassen, die näheren Umstände bleiben für die Betroffenen ein Rätsel. weiterlesen

Denkmal für Anna Lambert

Ausgangspunkt der Gedenkaktion war das Haus in der Schwedengasse 2, wo die Jüdin Anna Lambert, der 1939 mit zwei Kleinkindern die Flucht nach England geglückt ist, gelebt hat.

Die Steuerberatungskanzlei TPA und die Betreibergesellschaft (BOE) des Geschäftszentrums beim Steinertor haben den Kremser Künstler Leo Zogmayer beauftragt, eine ungewöhnliche Form des Gedenkens in unmittelbarer Nähe des Wahrzeichens der Stadt zu gestalten.

Das Wahrzeichen angekratzt
Das Denkmalprojekt von Leo Zoymayer im Steinertor

Ein Leben mit der Erinnerung
Begegnung mit Anna Lambert

Der verlorene Lebenstraum
Ausschnitt aus den Erinnerungen von Anna Lambert

Du kannst vor nichts davonlaufen
(Hrsg. Robert Streibel, Wien Picus Verlag 1999)

Vertreibung mit Folgen
Judenpogrom und der Bau des Kremser Brauhofsaales

Unbekannt verzogen

Das Gedenkprojekt 1999: Eine Historical Mail Research und ein Druckgraphikzyklus von Christine Pirker und Reinhold Egerth.

Seinerzeit Cover klein:

Seinerzeit ausgewandert nach Palästina
Druckgraphikzyklus von Reinhold Egerth & Christine Pirker

links: Der Katalog zum Projekt

Endstation
Angelica Bäumer im März 1999 zum Projekt „Unbekannt verzogen nach Palästina“

Unbekannt verzogen
Ein unsichtbares Projekt mit einem sichtbaren Ergebnis

Noch einmal Post
Liste der am 9.11.1998 abschickten Briefe